- Wirklichkeit 1: Wir leben in einer unvollkommenen Welt
- Wirklichkeit 2: Wir sind umgeben von einer vollkommenen Welt
- Bürger zweier Welten
Perfektion – welch schillerndes Wort. Die Werbung ist voller Perfekt-Versprechen. Von der Creme für die makellose Haut über die Fitness-App, die uns zu durchtrainierten Helden machen will, bis hin zu leckerem Essen, das eine glückliche Familie hervorbringt. Wer wollte denn nicht perfekt aussehen und bewundert werden? Interessanterweise funktioniert diese Motivation sogar in Glaubensdingen. Heilig und fromm, so wollen wir gelten. So ist die eine, die verlockende Seite der Perfektion. Aber sie hat auch noch eine zweite, die wir ebenso gut kennen, eine abstoßende Seite.
Das Lexikon der Psychologie1 schreibt: „Perfektionismus, das Streben, möglichst alles vollendet und tadellos zu vollbringen. Übertriebener P. birgt die Gefahr charakterlicher Fehlentwicklung in sich. Der Perfektionist neigt zur Egozentrizität, ist von Unrast getrieben und missachtet das Tun und die Werke anderer. P. ist eine unechte Vollkommenheit.“ Was also hat es auf sich mit dieser Perfektion? Ist sie nun gut oder schlecht? Um dem näher zu kommen, schauen wir uns zunächst zwei Wirklichkeiten an.
Wirklichkeit 1: Wir leben in einer unvollkommenen Welt
Wohin wir auch schauen, in die Schöpfung oder in die Gesellschaft, in Politik oder Wirtschaft: Wir leben nach dem Sündenfall. Und damit in einer gebrochenen und völlig unperfekten Welt. Am meisten wird dies deutlich, wenn wir auf uns selbst sehen. Paulus bekennt: Ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich (Röm 7,18f). Aber ist deshalb alles Streben nach Perfektion gleich Sünde?
Ganz ehrlich – mir sind Perfektionisten tausendmal lieber als die Mittelmäßigen, die sich für meinen Geschmack viel zu früh zufriedengeben. Und auch viel lieber als die Typen, die immer zu spät kommen und auch sonst ihre Termine und Aufgaben mit einer unglaublichen Nonchalance verbummeln. Gut – die Perfektionisten können auch mal nerven. Mit ihrem ungebrochenen Ehrgeiz, ständig der Optimierung huldigend.
Wie auch immer wir sein mögen – wir alle leben weit jenseits jeder Vollkommenheit. Im Kleinen und Persönlichen wie im Großen und Gesellschaftlichen. Das ist unsere Wirklichkeit! Die des Perfektionisten wie die des Schludrigen. Und auch all derer, die sich irgendwo dazwischen ansiedeln.
Auch unser Glaube ist davon berührt. Es gibt ja so viel frommes Perfektionsstreben in unseren Reihen. Jochen Eber beschreibt dies so: „Perfektionismus ist die Lehre, dass Vollkommenheit als Ziel des christlichen Lebens nicht nur zu erstreben, sondern tatsächlich auch zu erreichen ist. (…) Der Perfektionismus besteht in der Christenpflicht, Vollkommenheit in diesem Leben zu suchen.“2 Immer, wenn man seine eigene (gefallene) Wirklichkeit nicht aushält, steht man besonders leicht in der Versuchung, nach Perfektion zu streben. Man lässt sich in diese Scheinwelt locken und beruhigt vor allem sein Gefühl. Aber Heiligkeit ist kein Qualitätsbegriff in der Bibel, sondern ein Beziehungs- und Zugehörigkeitsbegriff! Das zeigt sich insbesondere im Verhältnis von Jesus zu seinen Jüngern.
Diese bunte Schar der Nachfolger Jesu war eine alles andere als perfekte Truppe. Und doch: Jesus hält sich nach den Berichten der Evangelien mit Vorwürfen gegenüber seinen Jüngern sehr zurück. Der Gottessohn wusste um diese „Wirklichkeit 1“ im Leben der Menschensöhne und -töchter. Er wusste um das, was Luther so auf den Punkt gebracht hat: „Simul justus et peccator“ – wir sind Gerechte und Sünder … und zwar simultan. Gleichzeitig! Und Jesus wusste um die Tatsache, dass Gott unsere gefallene Wirklichkeit durchaus aushält. Seine Jünger sind nicht die Fertigen, sondern die Pilger. Gott lebt mit unserer so unfertigen Wirklichkeit – und eben das führt uns zur zweiten Wirklichkeit.
Wirklichkeit 2: Wir sind umgeben von einer vollkommenen Welt
Perfektion ist der Rahmen unserer Weltgeschichte. Wir sind umgeben von zwei perfekten Situationen: von Paradies und Himmel, von Schöpfung und Vollendung. In Gen 1,31 heißt es: Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. War schon jedes seiner einzelnen Schöpfungswerke „gut“, so ist nun alles zusammen sogar „sehr gut“! Man könnte auch sinngemäß übersetzen „ganz vollkommen“3. Interessanterweise ist das kleine Wort „sehr“ im Hebräischen ein Substantiv. Ein Wörterbuch gibt es mit „Kraft und Vermögen“ wieder. Und ein anderes spricht von „Quantität und Intensität“, die hier zum Ausdruck gebracht wird. Gott nennt also sein Schöpfungswerk in seiner Gesamtheit „überaus gut und sehr schön“4! Als Gott die Welt erschaffen hatte, war alles perfekt! Auch die ersten Menschen – einfach perfekt! Wir stehen hier am optimalen Startpunkt der Menschheitsgeschichte. Bis zu dem Moment, den wir heute mit Sündenfall bezeichnen. Nun beginnt das, was wir oben als Wirklichkeit 1 beschrieben haben. Das Leben in einer unvollkommenen Welt.
Zum Rahmen unserer Weltgeschichte gehört aber nicht nur der Anfang, sondern auch das Ende. Wobei die Bibel weniger vom Ende, sondern eher vom Telos, dem Ziel spricht. Die diesjährige Jahreslosung erinnert uns daran: Siehe, ich mache alles neu! In Off 21,3-5 wird das umschrieben: Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!
Gott bewegt alles seinem Ziel entgegen. Nicht wir bewegen … Gott bewegt! ER allein ist der Alles-wieder-gut-Macher, er allein vollendet alles Unfertige in ein neues „sehr gut!“ Gott allein ist der Perfektionist. Und in ihm ist auch alles Gebrochene und Unfertige unseres Lebens gut aufgehoben.
Als Nachfolger Jesu sind wir die, die in diesem Rahmen – zwischen Schöpfung und Vollendung – mit Gott auf dem Weg sind. Was aber heißt das nun für uns und unsere Sehnsucht nach einem heilen (heiligen) Leben in einer heilen Welt?
Bürger zweier Welten
Das Wort Perfektion leitet sich ab vom lateinischen perfectus: zu Ende gebracht. Da war etwas und ist nun vollendet. Entsprechend steht es in unserer deutschen Sprache als eine Zeitform der Vergangenheit für eine abgeschlossene Handlung. Ganz anders verhält es sich in der altgriechischen Sprache, also der des Neuen Testaments. Dort steht das Perfekt für etwas, das in der Vergangenheit einmal zustande kam und in der Gegenwart fortdauert und Gültigkeit hat, „indem es die Dauer des Vollendeten ausdrückt (…).“5
Es ist also weder reine Gegenwart noch einmalige, punktuelle und abgeschlossene Vergangenheit. Das hier gemeinte Perfekt ist getragen von einer unumkehrbaren Grundlage, die in der Vergangenheit liegt, und wirkt sich in der Gegenwart als deutliches Entwicklungs- und Wirkungspotential aus.
Dazu ein biblisches Beispiel: In 2 Kor 5,17 schreibt der Apostel Paulus einen ziemlich steilen Satz: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Wow – eine perfekte Situation: das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Wer in Christus ist, konnte seinen alten Adam loswerden und – schwuppdiwupp – in den neuen wechseln. So könnte man Paulus verstehen. Aber Hand aufs Herz: Spricht nicht unsere eigene Wirklichkeit gegen diese Annahme? Nicht wenige Christen werden an dieser Stelle irre und mühen sich umso mehr, perfekte Heilige zu werden. Was meint nun Paulus mit dem „Neues ist geworden“? Im griechischen Text steht im Perfekt ein Wort, das man auch so übersetzen kann: „Neues ist geboren worden“. Da ist also etwas passiert in der Vergangenheit – die Geburt – und das wirkt weiter fort – nämlich im täglichen Wachstum.
Das ist die wirkliche Wirklichkeit: keine perfekten Nachfolger, sondern Nachfolger im neutestamentlichen Perfekt – im Wachstum des Glaubens begriffen. Denn wir sind Bürger zweier Welten. Wir alle sind eingeladen, „wachstümlich“ zu bleiben. Eingeladen, nicht zu erzwingen, sondern das Neue geduldig und zuversichtlich wachsen zu lassen. Damit unser Leben keine „unechte Vollkommenheit“, sondern echte Hingabe an Christus sichtbar werden lässt.
Arnold/Eysenck/Meili, Lexikon der Psychologie; Band 2; Freiburg i. Br. 1971, 198011; Sp. 1567 ↑
beide Zitate: Jochen Eber; in: Helmut Burkhardt et al; Evangelisches Lexikon für Theologie und
Gemeinde, Band 3; Wuppertal und Zürich 1994; S. 1544f ↑Gerhard von Rad; ATD 2/4: Das erste Buch Mose Genesis; 10. durchges. Aufl. Göttingen 1976; S. 40 ↑
Hansjörg Bräumer; Das erste Buch Mose, Kapital 1-11; Berlin 1986; S. 57 ↑
F. Blass/A. Debrunner; Grammatik des neutestamentlichen Griechisch; 12. Aufl. Göttingen 1965; S. 210f ↑