Als ich ein Kind war, gab es bei uns zu Hause ab und zu sogenannte Räubertage. Tage an denen (fast) alles erlaubt war. An denen wir mit den Fingern aßen, die Füße auf den Tisch legten und lauthals rülpsten. Es waren Tage voller wilder Ideen und Abenteuer – und vor allem Tage ohne MUSS (keine Tischmanieren, keine Hausarbeiten, kein Zähneputzen, keine Bettzeiten).
Ich habe sie geliebt, diese Räubertage, weil in ihnen so viel Freiraum wohnte. Freiraum, den ich so selten erlebe, mir so selten nehme.
Wenn wir klein sind, fällt auch das MUSS noch klein aus, aber je älter wir werden, umso rasanter wächst die endlos lange Reihe von Aufgaben, Pflichten und Erwartungen. Was mit Eigenhändig-Schuhe-Binden und Abends-Zimmer-Aufräumen anfängt, wächst so schnell ins Unendliche. So ist das Leben. Was mich dabei nachdenklich stimmt, ist die Frage, wo genau die Grenze zwischen DARF und MUSS verläuft? (Wieviel Spielraum liegt dazwischen? Wieviel MUSS lege ich mir selbst auf?)
Bei mir läuft es oft so: Ich wache morgens auf und bereits nach kurzer Zeit gehe ich gedanklich den vor mir liegenden Tag und seine Zeitabläufe durch.
Ja, als Mama plane ich gerne. Ich bin im Kopf oft drei Schritte voraus, damit am Ende alles möglichst rund läuft. Während ich das Frühstück vorbereite, plane ich bereits den nächsten Kindergeburtstag, das heutige Abendessen und die Termine für nächste Woche.
Ich mag es, wenn die Wohnung aufgeräumt ist, der Tag vorhersehbar bleibt und die Dinge halbwegs in geordneten Bahnen verlaufen. Doch Ordnung und Struktur an sich garantieren noch keine Lebensfreude! Die findet sich viel eher in den vielen kleinen spontanen und ungeplanten Momenten des Lebens.
Neulich traf ich eine Mama, deren Wohnung im typischen Kleinkindphase-Chaos versank. Spontan erinnerte ich mich an die Zeit, als meine Kinder noch ganz klein waren und der Tag nie genug Stunden hatte, um allen Bedürfnissen und Aufgaben gerecht zu werden. Diese Mama aber ruhte in sich selbst – trotz Kinderweinen, Wäschebergen und schmutzigem Geschirr. Ohne mit der Wimper zu zucken ließ sie das Chaos einfach Chaos sein. Die nächsten Stunden über tobten wir mit drei Kindern und zwei Hunden ausgelassen durch den Garten. Zum Abendbrot gab es Fertigpizza aus der Kühltheke. Satt, zufrieden und reich beschenkt schaute ich mich um und musste feststellen: Selten habe ich mich so wohl gefühlt wie in diesem Moment. Hier sprudelte so viel Ausgelassenheit, Echtheit, Verbundenheit und eine unbändige Lebensfreude.
Mir ist klar, dass ich keine perfekte Mutter (Ehefrau usw.) sein muss. Sein kann. Aber irgendwie versuche ich doch, alles möglichst richtig zu machen.
Was wäre also, wenn ich das mit der Perfektion einmal umkehre und umformuliere: „Perfekt sein heißt, gut auf mich zu achten“ - die vielen kleinen MUSS öfter mal links liegen lassen und stattdessen die Räder schnappen und mit den Kindern ein Eis essen gehen.
Für diesen Blickwinkel braucht es einen richtigen Sinneswandel in mir. Aber ich stelle fest, dass darin viele kleine Ich-DARF auf mich warten: Ich darf Fehler machen. Ich darf kürzertreten. Ich darf mich verletzlich zeigen. Ich darf ratlos sein. Ich darf Nein sagen. Ich darf um Hilfe bitten. Ich darf auch einfach mal gekaufte Kekse statt selbst gebackenen Kuchen mitbringen. Die Ansprüche, die ich an mich stelle (angepasst, stets gut gelaunt, immer on time usw.) sind nämlich definitiv zu hoch.
Mich davon zu lösen, ist jedoch alles andere als einfach. Anspannung und innere Unsicherheit treiben mich immer wieder in die Falle. Der Irrtum dahinter: „Je runder das Leben läuft, umso kleiner ist meine innere Not.“ Die Momente, in denen ich nach Perfektion strebe, sind also letztendlich ein Schutzmechanismus meiner Not. Das, was ich eigentlich suche, wonach ich mich wirklich sehne, was meinen eigenen Ansprüchen zugrunde liegt, ist ein tiefes Bedürfnis nach Sicherheit. Und die finde ich nur bei Jesus. Hier darf ich sein, wie ich bin – müde, abgearbeitet, hilflos, traurig, zweifelnd oder alles zusammen. Er stellt keine Erwartungen an mich. Im Gegenteil, er lädt mich ein, einfach zu sein. Seine Botschaft gibt mir Halt.
Hey du.
Ich sehe dich. Und all das, was du leistest.
Du gibst dein Alles und das ist genug!
Du bist genug. Du bist ohne jegliche Bedingung geliebt.
Ausgestattet mit neuer Kraft, nehme ich mir vor, in nächster Zeit öfter ein paar „Räuberminuten“ einzubauen: mich in den Garten setzen, den Wolken beim Fangenspielen zuschauen, meine Lieblingsmusik aufdrehen, einen großen Strauß Wildblumen pflücken – das Leben feiern. Die vielen vermeintlichen MUSS werden mich immer wieder einholen, aber dann möchte ich ihnen ein herzliches Ich-Darf und Ich-bin-Genug entgegensetzen.