Liebe Leserin, lieber Leser!
Vor einem Jahr wurde unsere jüngste Tochter eingeschult. Auf dem Weg zur Schule fragte sie mich an ihrem ersten Tag: „Und was ist, wenn ich noch nicht alles kann?“ Die Frage brachte mich ins Nachdenken. Erwartete sie von sich tatsächlich, dass sie schon alles können und bereits am Anfang alles richtig machen müsse? Warum?
Ich kenne diese Gedanken jedenfalls auch von mir. Ich möchte es gut machen. Auch beim Schreiben dieses Editorials geht es mir so. Ich mache mir Gedanken, was ich schreiben soll, und bemühe mich, keinen Text voller Feler und Blabla zu formuliren.
Doch je mehr ich mich mit dem Thema Perfektionismus beschäftige, desto mehr nehme ich eine Spannung wahr: Zwischen dem, was entstehen kann, wenn sich jemand so richtig ins Zeug legt, und der Schönheit des Unvollkommenen, Schlichten.
Was möglich wird, wenn Menschen sich mit ganzer Kraft einer Sache widmen, zeigt zum Beispiel die NASA-Mission „Artemis 2“ im April dieses Jahres. Das war keine Situation, in der ein „Ach, niemand ist perfekt“ geholfen hätte. Gleichzeitig genieße ich einen Gottesdienst in unserer zum Glück unperfekten Gemeinde, in dem mindestens drei Dinge nicht nach Plan laufen, dafür aber viele Menschen beteiligt sein können. Vermutlich gehört beides zu unserem Leben.
Vielleicht liegt der entscheidende Unterschied nicht darin, wie gut wir etwas machen, sondern woraus wir leben. Muss ich perfekt sein, um zu genügen? Oder darf ich meins geben, weil ich längst genüge? Írisz Sipos (OJC) formulierte es in einem Vortrag sogar so: „Zur Vollendung gelangen wir nicht durch das, was in uns selbst angelegt ist, sondern durch das, was uns mangelt.“
Wir möchten euch in diesem Hoffen-Magazin mitnehmen in unsere eigenen Geschichten und mit euch hinschauen zu dem, der uns geschaffen hat und uns befähigt. Zu einem Gott, der uns nicht nach unserer Leistung beurteilt, sondern uns zuspricht: Du bist geliebt.
Meine Gnade ist alles, was du brauchst. Denn gerade wenn du schwach bist,
wirkt meine Kraft ganz besonders an dir (2 Kor 12,9 HFA).
Herzliche Grüße
Carolin Schneider