Eine der Fragen, die wir haben, während wir unser kleines Leben leben, ist sehr einfach: Wer bin ich? Eine simple kleine Frage. Vielleicht hast du dir diese Frage nie gestellt, philosophisch gesehen oder verbal. Aber es kann sein, dass du entdeckst, dass vieles, was du tust oder lässt, denkst oder nicht denkst, etwas mit eben dieser Frage zu tun hat: Wer bin ich?
Sehr oft leben wir so, als wären wir das, was wir tun, was die Leute über uns sagen und was wir haben. Stelle dir einmal einen Moment deine Lebenslinie auf dem Papier vor. Die Leute sind stolz auf dich.
Du tust eine Menge guter Dinge. Und du besitzt einiges: Das alles gibt dir ein Hochgefühl, du fühlst dich gut. Aber sobald die Leute anfangen, gegen dich zu reden, wenn du etwas von dem guten Besitz verlierst oder beginnst, dich nutzlos zu fühlen, dann stürzt du ab oder fühlst dich mies. Solange bei diesen drei Begriffen Ruhe ist, empfindest du „dies ist ein guter Tag“, und wenn da etwas passiert, dann wird es „ein schlechter Tag“. Und ohne dass man es merkt, entwickelt sich daraus ein Lebensmuster.
Unser ganzes Leben wird von diesen drei Maßeinheiten bestimmt. Wenn wir oben sind, sind wir aufgeregt; sind wir unten, fühlen wir uns depressiv – unser Alltag verläuft wie eine Zickzack-Linie oder Fieberkurve, die den langen, geraden Strich unseres Lebens überlagert: Heute empfinde ich, dass ich eine Menge toller Sachen habe, die Leute reden nett über mich und ich mache etwas Sinnvolles. Morgen, da ist das vielleicht anders – und, selbstverständlich: Dann geht es mir schlecht.
Wenn du sagst, „ich bin, was ich tue, was die Leute über mich sagen und was ich habe“, dann hängt deine gesamte Identität, deine Vorstellung davon, wer du bist, von der Welt ab. Es wird dir von außen, von der Welt draußen vorgegeben. Und wenn du stirbst, bleibt nichts übrig, denn du warst das, was du von außen bekamst. Dein ganzes Leben war ein Versuch, zu überleben – und am Ende scheiterst du unausweichlich sowieso.
Denke einmal ein paar Momente darüber nach: Kannst du in deinem Leben erkennen, dass es dir ähnlich geht? Trifft etwas davon auch auf dich zu? Ist es so, dass deine Niedergeschlagenheit und dein Hochgefühl von Dingen abhängen, die du nicht beeinflussen kannst? Dass die Art, wie du dich grundsätzlich fühlst, von Dingen abhängt, die du gar nicht im Griff hast? Dass dein ganzes Selbstgefühl von der äußeren Wirklichkeit abhängt? Wenn das so wäre – dann wäre das enorm tragisch!
Ich möchte dir gerne etwas ganz Einfaches sagen: Das Evangelium, Jesus, Gott sagt: „Das ist falsch! Das ist nicht die Wahrheit! Dieses Denken ist eine große, große Lüge. Auch wenn du so tust, als wäre es wahr; auch wenn du so lebst, als wäre es wahr – es ist eine große Lüge!“ Manchmal musst du mit dieser Lüge in Berührung kommen, um anzufangen, zu entdecken, wer du wirklich bist.
Wer bist du, wenn nicht das, was du tust? Wer bist du, wenn nicht das, was die Leute über dich sagen? Wer bist du, wenn nicht das, was du hast? Das Evangelium – aber auch die geistliche Tradition – ist hier über alle Maßen klar. Das Zentrum der christlichen Botschaft ist sehr einfach: Du bist der Geliebte Gottes! Du bist geliebt! Das steht als Realität weit über den Daten oder dem Auf und Ab deiner Lebenslinie.
Ich möchte, dass du beginnst zu sehen, wie du diese Wahrheit für dich entdecken und beanspruchen kannst. Dass du sagen kannst: „Ich möchte für mich selbst diese Wahrheit ergreifen, dass ich der Geliebte Gottes bin.“ Denke einen Moment lang an Jesus. Als Jesus getauft wurde, stieg er aus dem Wasser und eine Stimme sagte: „Du bist mein Geliebter. An dir habe ich Wohlgefallen.“ Du bist der Geliebte Gottes! Und diese Stimme begleitete und leitete alles, was Jesus sagte und tat. Wo immer er hinging, wo immer er redete, wusste er, dass da die Stimme war, die ihn „Geliebter“ nannte. Die Menschen liebten ihn und sie hassten ihn, sie applaudierten und sie kreuzigten ihn, sie spuckten ihn an und sie klopften ihm auf die Schulter. Aber was auch immer geschah, er sagte: „Ich bin der Geliebte. Das ist die Wahrheit – was immer die Leute sagen oder tun.“ Das ermöglichte ihm, voller Treue Gott gegenüber durchs Leben zu gehen. Immer wieder festzuhalten an dieser Wahrheit, immer wieder auf die Stimme zu lauschen, die sagt: „Du bist mein Geliebter! An dir habe ich Wohlgefallen!“
Was ist Gebet? Beten heißt, auf die Stimme zu hören, die mich „Geliebter“ nennt. Die sagt: „Du bist meine geliebte Tochter. Du bist mein geliebter Sohn.“ Jesus hörte dieser Stimme zu. Erinnerst du dich, dass derselbe Geist, der am Jordan über Jesus kam, ihn in die Wüste trieb, damit er versucht würde? Und wie wurde er versucht? Von Satan, indem er sagte: „Beweise mir, dass du der Geliebte bist! Verwandle Steine in Brot! Zeig, dass du was kannst! Spring vom Tempel hinunter, so dass alle dir zujubeln und die Engel dich auffangen können! Damit die Menschen Großes von dir denken und toll von dir reden. Knie vor mir nieder und ich werde dich reich belohnen, so dass du viel besitzt.“
Und Jesus sagte: „Nein! Nein, nein, nein! Denn ich bin nichts davon. Ich bin der Geliebte! Der bin ich. Und ich bin der Geliebte, noch bevor ich irgendetwas tue, bevor die Leute über mich reden, bevor ich irgendetwas besitze.“
Ich möchte, dass du diesen gewaltigen inneren Sprung vollziehst, der dem entspricht, was Jesus über sich selbst sagte; er möchte, dass du dasselbe über dich sagst. Jesus will, dass du weißt, dass du genau so sehr von Gott geliebt bist wie Jesus selbst. Jesus sagt: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe. Und ich habe euch so sehr geliebt, wie der Vater mich geliebt hat.“ Für dich und für mich lautet die Hauptfrage des Lebens, auf der all unsere Freiheit beruht: Glaubst du, dass du der Geliebte bist? Oder sagst du: „Ich bin ein kleiner Mensch, der beweisen muss, dass er okay ist.“ Glaubst du, dass du unendlich von Gott geliebt bist, oder sagst du: „Tja, ich muss schon sichergehen, dass die Leute gut über mich reden, sonst wird das nichts!“ Glaubst du, dass du so sehr geliebt bist, dass du immer noch tief und sicher in der Liebe Gottes verwurzelt bist – was auch immer die Leute sagen, was auch immer du tust oder hast? Das ist die Quelle, aus der deine Freiheit kommt – von daher kommt sie wirklich. Das ist es, was es dir möglich macht, aufzustehen und darauf zu vertrauen, dass du die Welt verändern kannst – weil du nicht abhängig bist von den Einflüssen dieser Welt.
Das genau ist es nämlich, was die Welt will: Dass du das Gefühl hast, beweisen zu müssen, dass du wertvoll bist. Und je mehr die Welt, in der du lebst, dich in die Gefangenschaft dieser Idee nimmt, umso unfreier wirst du. Je mehr Geld du verdienen musst, je mehr du tun musst, je mehr Zeit du geben musst, umso erschöpfter wirst du werden – und du bist nicht wirklich frei.
Bitte höre einen Moment lang genau hin. Ich möchte, dass du auf die Stimme hörst, die dich Geliebter nennt. Ich verwende einige Worte aus der Bibel, die du vielleicht schon einmal gehört hast. Höre einmal genau hin und lass diese Worte an dein Herz heran: „Du bist meine geliebte Tochter. Du bist mein geliebter Sohn. Ich liebe dich mit einer immerwährenden Liebe. Ich habe dich gesehen, bevor du geboren wurdest – ich liebte dich. Noch bevor du sprechen konntest und bevor dich deine Mutter berühren konnte, habe ich dich gerufen. Ich habe dich in der Tiefe der Erde geformt. Ich habe dich im Körper deiner Mutter zusammengesetzt. Du bist mein und ich bin dein. Du bist der, der zu mir gehört, und ich möchte zu dir gehören. In meiner Umarmung bist du sicher, was immer geschieht. In meinen Augen bist du kostbar. Du bist so kostbar wie das Licht in meinen Augen. Du bist mein Kind, du bist mein Sohn, du bist meine Tochter. Du gehörst zu mir und bist immer Teil meiner Gedanken, du bist immer in meinem Herzen, ich werde dich nie, niemals allein lassen. Ich werde an der Wahrheit festhalten, dass du mein Geliebter bist, und ich bin mit dir, wohin du auch gehst und was immer du auch tust.“
Wenn diese Sätze Gedanken sind, die sich nur in deinem Kopf befinden, dann bringt dich das nicht besonders weit. Eine süße, romantische Vorstellung, die nicht viel bewirkt. Aber wenn er dich plötzlich mitten ins Herz trifft, wenn du auf einmal im Zentrum deines Innersten erfährst, dass es das ist, wer du bist, dann verändert das alles. Alles um dich herum ändert sich. Dein ganzes Leben wird das Leben eines Geliebten. Dein ganzes Leben wird ein Leben, wo alles um dich herum beginnt, eine neue Sprache zu sprechen.
Zum Schluss noch etwas sehr Einfaches: Wenn du einmal glaubst, dass dies die Wahrheit ist, dass dies ist, wer du wirklich bist: Geliebter, Geliebte – dann kannst du von dieser Wahrheit über deinem Leben her zu leben beginnen. Und diese Wahrheit über deinem Leben wird nach und nach den Zyklus des Auf und Ab, der Hochs und Tiefs aufgrund äußerer Leistungen durchbrechen. So dass du nicht mehr abhängig bist von deiner momentanen Nützlichkeit, den Stimmen über dich oder dem, was du besitzt.
Wenn du einmal begonnen hast, mit der Wahrheit deines Geliebtseins zu leben, breitet es sich aus, zieht Kreise und berührt dich genau in den Hochs und Tiefs deines Lebens. Und alles, was dort passiert, verändert sich dann. All die Enttäuschungen deines Lebens bedrohen nicht mehr deine Identität, sondern werden Gelegenheiten, ja zu dem zu sagen, der fragt: „Liebst du mich auch?“ Ziemlich am Ende seines Lebens fragte Jesus Petrus: „Simon Petrus, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als die anderen? Simon Petrus, liebst du mich?“ Und dann ein drittes Mal: „Liebst du mich?“ Und plötzlich sehen wir, dass Gott, der für alle Ewigkeit gesagt hat: „Ich liebe dich mit unendlicher Liebe“, dich und mich fragt: „Liebst du mich auch?“
Wenn du diese Frage hörst, wirst du plötzlich erkennen, dass alle Erfahrungen deines Lebens – die schmerzhaften genauso wie die glücklichen – Erlebnisse sind, die dir eine Möglichkeit geben, zu antworten: „Ja! Ja, ich liebe dich auch!“
Aus: AUFATMEN 4/97: „Wie wir mit dieser Wahrheit leben können: Der völlig andere Gott“ (übersetzt von David Neufeld, v. d. Redaktion gekürzt und bearbeitet).