Mit Anfang 20 wurde bei mir Multiple Sklerose diagnostiziert. Dies erschütterte mich zutiefst. Nicht jeden trifft eine chronische Krankheit, aber die meisten von uns werden mit körperlichen Beeinträchtigungen konfrontiert, wenn sie nur lange genug leben. Sich mit dieser Realität auseinanderzusetzen, ist für Christen unerlässlich, denn wir erfahren Gott in und durch unseren Körper.
Es gab Zeiten, in denen ich mir einen anderen Körper wünschte. Wir sind schnell frustriert, wenn unser Körper uns im Stich zu lassen scheint. Als Christen hoffen wir, dass unsere auferstandenen Körper anders sein werden. Wir hoffen, dass im Reich Gottes unsere Gesellschaft und damit auch unsere Körper vollkommen sein werden.
In der Vergangenheit stellten sich Theologen vor, dass auferstandene Körper nicht nur vollkommen fähig und makellos sein würden, sondern auch für immer im perfekten Alter bleiben würden (wahrscheinlich 33 Jahre, das Alter Jesu bei seinem Tod). Diese Vorstellung würde heute viele Menschen verstören, aber wir sind genauso in unseren heutigen Vorstellungen von schönen, vollkommenen Körpern verhaftet. Filmstars und Profisportler vermitteln uns Vorstellungen von sogenannter körperlicher Perfektion, die für die meisten von uns in diesem Leben unerreichbar ist, und so hoffen wir stattdessen auf solche Körper im Jenseits.
Die Evangelien offenbaren uns Unerwartetes über den auferstandenen Körper Jesu. Bevor er in den Himmel auffährt, überrascht Jesus 40 Tage lang seine Freunde, die ihn nicht alle sofort erkennen. Maria verwechselt Jesus mit dem Gärtner, als sie sein Grab besucht, und erkennt ihn erst, als er ihren Namen sagt. Die Jünger beim Fischen erkennen Jesus am Strand erst, als er ihnen aufträgt, die Netze auf der anderen Seite des Bootes auszuwerfen, und sie mehr Fische fangen. Auf dem Weg nach Emmaus gehen die Jünger mit Jesus und erkennen ihn erst, als er mit ihnen das Brot bricht.
Ebenso eindrucksvoll ist, dass der auferstandene Jesus verwundet ist. Im Lukasevangelium erscheint Jesus seinen verängstigten Jüngern und fordert sie auf, seine Hände und Füße zu berühren (Lk 24,39). An diesen Stellen seines Körpers trägt Jesus die Spuren seiner Kreuzigung. Das Johannesevangelium beschreibt, wie Thomas daran zweifelt, dass die anderen Jünger den auferstandenen Jesus sahen. Thomas glaubt den anderen Jüngern nicht, bis er Jesus selbst sehen und die Wundmale seiner Kreuzigung berühren kann (Joh 20,24–25). Die Wunden Jesu sind Zeichen der Schande, der Bestrafung und des Todes. Und doch erkennen diejenigen, die ihn liebten, Jesus an seinen Wunden.
Warum weist der glorreiche, auferstandene Leib Jesu Wunden auf? Warum wurden diese bei der Auferstehung nicht beseitigt, geheilt oder verdeckt? Dies ist skandalös. Für die ersten Christen und die frühen Kirchenväter, die erklären mussten, warum der auferstandene Jesus keinen vollkommeneren Leib hatte, war dies nicht sofort nachvollziehbar. Auch sie sehnten sich nach körperlich vollkommenen Leibern.
Wie können wir erwarten, in der Auferstehung vollkommene Körper zu haben, wenn der auferstandene Körper Jesu so unvollkommen erscheint? Jesus sieht diese Frage voraus. Er erinnert seine Jünger daran, dass er die Schrift erfüllt. Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht. (Lk 24,44).
Der „leidende Gottesknecht“ in Jesaja wird von Christen typischerweise als Vorwegnahme der Kreuzigung Christi verstanden: Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. (Jes 53,2-3). Nach Jesaja wurde der leidende Knecht gesandt, um unsere Krankheiten zu tragen.
Als Gottes Volk sich nach einem starken, allmächtigen Kriegergott sehnte, erhielt es ein hilfloses Kind. Es wünschte sich einen siegreichen Herrn und erhielt einen Mann, der zu Tode verurteilt und vom Staat ungerecht gekreuzigt wurde. Wir hoffen auf mächtige auferstandene Körper, aber wir bekommen einen verwundeten gezeigt. Der auferstandene Körper Jesu unterscheidet sich nicht sehr von seinem sterblichen Körper. Er kam verletzlich in die Welt und verlässt sie mit den Spuren dieser Verletzlichkeit. Unser Gott ist nicht der Gott der Stärke und Macht, sondern der Gott der Verletzlichkeit, manche könnten sogar sagen, der Gott der Behinderung.
Der Bibelwissenschaftler Jeremy Schipper behauptet, dass in der Übersetzung von Jesaja 53 Hinweise auf Behinderungen verloren gegangen sind. Wenn Jesaja sagt, dass der leidende Gottesknecht geschlagen ist, bezieht sich das Wort in der hebräischen Bibel auf eine entstellende Hautkrankheit; die Begriffe, mit denen der leidende Gottesknecht als entstellt und gebrechlich bezeichnet wird, sind im Hebräischen normalerweise kranken Tieren vorbehalten, die für Opfer ungeeignet sind. Wenn beschrieben wird, dass er seinen Mund nicht auftat, wird dies mit Stummheit assoziiert, und wenn Jesaja sagt, der Knecht sei verstoßen, spiegelt er die sozialen Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen an anderer Stelle in der Bibel wider. Wenn der von Jesaja beschriebene leidende Knecht tatsächlich Jesus ist, sahen die Propheten voraus, dass er behindert sein würde.
Gott als behindert zu bezeichnen, wird wahrscheinlich einige Menschen verstören. Unser allmächtiger, allwissender Gott kann nicht behindert sein. Er weiß alles, sieht alles, erschafft alles. Aber wie können wir uns mit einem allmächtigen Gott identifizieren, der nichts von unserem Leiden weiß? Der leidende Christus war in der Geschichte immer ein Trost für die Leidenden. Der allmächtige Gott, der alles aus dem Nichts erschaffen hat, gab alles auf, um wie wir zu sein. Um zu leiden, wie wir leiden, um zu sterben, wie wir sterben werden.
In einer Zeit der Seuche, Krankheit und Verzweiflung brauchen wir einen leidenden Gott, der unser Leiden versteht. Einen verletzlichen Gott, der unsere Verletzlichkeit auf sich nimmt und sie in den Himmel trägt.
Die Theologin Nancy L. Eiesland kämpfte jahrelang darum, sich in der Kirche zugehörig zu fühlen. Sie wurde mit einer Knochenerkrankung geboren, die chronische Schmerzen und eine Mobilitätseinschränkung verursachte, und war gewohnt zu hören, ihr Körper sei fehlerhaft und unvollkommen. Hatten sie oder ihre Eltern gesündigt und ihre Behinderung war die Folge davon? Oder war diese eine Konsequenz des Sündenfalls, unserer kollektiven Erbsünde? Wenn sie nur genug Glauben hätte, würde sie geheilt werden. Vielleicht gab Gott ihr eine Behinderung, um ihren Charakter zu stärken. Vielleicht war ihr Leiden tugendhaft. Schließlich gibt Gott uns nie mehr, als wir ertragen können. Und spätestens bei der Auferstehung würde sie geheilt werden.
Solche Plattitüden und Gottesrechtfertigungen halfen Eiesland nicht, eine Beziehung zu einem allmächtigen Gott aufzubauen. Warum neigten Menschen so dazu, ihren Körper mit Sünde oder Tugend in Verbindung zu bringen? Warum hatte Gott sie so geschaffen? Und wenn ihr auferstandener Körper im Himmel nicht mehr behindert wäre, wie würde Gott sie dann erkennen? Wie würde sie sich selbst erkennen?
Dann hatte Eiesland eine Erleuchtung: Gott erschien ihr in einer Vision in einem „Sip-and-Puff“-Rollstuhl, wie er von Querschnittsgelähmten benutzt wird, die sich durch Blasen und Saugen an einer strohhalmartigen Vorrichtung fortbewegen können. Dies war nicht der allmächtige, selbstgenügsame Gott, der ihr immer vermittelt wurde. Dieser Gott war aber auch kein erbärmlicher, leidender Diener. Stattdessen sah sie den behinderten Gott als Überlebenden, der nicht mitleiderregend war, sondern direkt und offen. Dies war ein Gott, mit dem Eiesland sich identifizieren konnte, denn dies war ein Gott, der ihr Leiden kannte. Der behinderte Gott bemitleidete sie nicht, sondern verherrlichte ihren Körper.
Der auferstandene Jesus bezeugt Gottes Verheißung, bei uns zu sein, so wie wir sind. Indem er seine Jünger auffordert, seine Hände und seine Seite zu berühren, überwindet Jesus die Tabus der Behinderung. Seine Wunden verbinden seinen auferstandenen Körper mit seinem irdischen Körper und mit seinen Freunden – wir erkennen Jesus an seinen Wunden.
Der behinderte Gott war auch für mich eine gute Nachricht, als ich zum ersten Mal auf Eieslands Buch stieß. Ich bin mir nicht sicher, ob Gott meine Behinderung verursacht hat, aber ich weiß, dass Gott bei mir ist, weil Gott versteht, was es bedeutet, in einem zerbrechlichen, begrenzten Körper zu leben. Ich weiß nicht, wie mein auferstandener Körper aussehen wird, aber ich weiß, dass er wie der Körper Jesu sein wird.
Alle unsere Körper sind heilig; nicht trotz, sondern weil wir begrenzte und zerbrechliche Geschöpfe sind. Das Leben in jedem Körper ist manchmal schmerzhaft und schwierig. Aber wir können Trost darin finden, dass Christus unseren Schmerz kennt, weil er ihn auch selbst erlebt hat. Der fleischgewordene, historische Jesus mag aus unserer Mitte verschwunden sein, aber wir sind der Leib Christi. Wir, die wir behindert sind, müssen unsere Behinderungen nicht überwinden, um in Christus zu sein. Diejenigen, die nicht behindert sind, müssen unsere Körper nicht „wegbeten“. Tatsächlich treten wir in den Leib Christi ein, indem wir ihn in der Eucharistie immer wieder brechen. Der gebrochene Leib Christi nährt uns, damit wir den Dienst Christi weiterführen können. In dem gebrochenen Leib Christi werden wir ganz.
Aus: Plough Magazin Herbst 2025: „Hauptsache gesund?“, hier in voller Länge nachzulesen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.