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Wenn Tante M. mich besucht

Mein Leben mit Migräne

Migräne raubt jede Kraft und Kontrolle. Das ist schwer und das beschämt auch. Mit dem Wort von Paulus „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ wird hier durchbuchstabiert, was das bedeutet: schwach sein, unvollkommen sein, nicht perfekt.

Lesedauer: 7 Minuten

Jonas Großmann
Jonas Großmann

Ich wache früh auf. Mich wecken nicht der Sonnenschein oder die Vögel oder der Wecker. Mitten in der Nacht, gegen vier, explodiert mein Kopf. Der Schädel brummt. Mich weckt stechender, pochender, halbseitiger Schmerz. Mein ganzer Körper rebelliert. Der Magen zieht sich zusammen. Jedes Geräusch ist zu laut. Selbst das kleinste Licht schmerzt.

Mitten in der Nacht besucht mich Tante M. Neben dem Schmerz setzt sofort das Gedankenkarussell ein: Oh nein, nicht schon wieder. Ich seufze. Was habe ich falsch gemacht? Habe ich schlecht gegessen? Zu wenig geschlafen? Meinen Rhythmus verloren? Das Wetter? Ich muss trotzdem funktionieren. Ich ärgere mich und grüble: Wann ist die Grenze erreicht, dass ich mich rausnehmen muss aus der Familie, aus dem Beruf? Welche Termine schaffe ich noch? Tablette und weiter geht’s? Oder braucht mein Körper Ruhe und Dunkelheit? Muss ich mich zurückziehen? Kann ich das? Darf ich das? Meiner Frau wieder sagen: Ich kann heute nicht. Es fällt mir schwer. Und beschämt mich jedes Mal aufs Neue.

So sieht der Alltag vieler Menschen mit Migräne aus. Und ich habe es immer verdrängt. Wollte es nie wahrhaben. Aber seit ein paar Jahren lässt es sich weder vermeiden noch verdrängen. Teilweise leide ich über Wochen hinweg unter Migräne. Zum ersten Mal in meinem Leben fange ich an, mich damit zu beschäftigen. Ich lese Fachbücher und suche ärztlichen Rat. Ich lerne und beginne zu akzeptieren: Migräne ist mehr als Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische, genetisch vererbte Krankheit, die bei jedem etwas anders aussehen kann. Kein neues Phänomen übrigens: Auch bekannte Persönlichkeiten wie Richard Wagner, Vincent van Gogh oder Marie Curie sollen darunter gelitten haben.

Bei Migräne werden Nervenreize im Gehirn meist viel schneller und intensiver verarbeitet, was immer wieder zu einer Überlastung führt. Ein Migräniker ist grundsätzlich anfällig für Migräneattacken, die von Zeit zu Zeit auftreten. Das Gehirn gewöhnt sich nicht an Reize, läuft stets auf Hochspannung und kann nicht abschalten. Viele Betroffene erleben sich dadurch als besonders sensibel. Gerade nach sehr vollen Tagen mit vielen neuen Eindrücken, Begegnungen und Reizen ist die Wahrscheinlichkeit für eine Migräneattacke am folgenden Tag nach dem Spannungsabfall bei mir sehr hoch. Auch wenig Schlaf oder unregelmäßiges Essen können als Trigger wirken. Aber das ist nicht vorhersehbar oder berechenbar. Diese Unplanbarkeit nervt. Nicht selten zeigen sich bei Migräne-Betroffenen ja auch perfektionistische Tendenzen wie hoher Leistungsanspruch oder starke Selbstkontrolle.

Ich bin in ärztlicher Behandlung. Ich nehme Triptane, besondere Migränetabletten. Einmal im Monat spritze ich mir selbst prophylaktische Antikörper, die zielgerichtet das Protein CGRP oder dessen Rezeptor blockieren. Obwohl ich kein Freund von Nahrungsergänzungsmitteln bin, nehme ich für den erhöhten Bedarf zusätzlich die Mikronährstoffe Magnesium, Vitamin B2, Coenzym Q10 usw. Ich treibe Sport und versuche, mich regelmäßig zu ernähren und zu schlafen, was nicht wirklich meinem Typ entspricht. Anstrengend sind die vielen ungefragten Ratschläge und tausend Tipps!

Ich mache also mittlerweile einiges richtig und doch immer wieder – gerade im Frühling und Herbst – gibt es viele Tage, wo ich nachts von Tante M. geweckt werde und ich musste und muss mich damit beschäftigen, medizinisch, körperlich, aber auch innerlich, geistlich. Was macht das mit mir? Wer bin ich? Ich will viel schaffen, ich habe Ideen, ich will was für Gottes Reich bewegen. Ich will für meine Familie da sein, für meine vier Kinder. Ich habe Lust auf das Leben, auf diese Welt. Manchmal bin ich im Flow und habe Kraft und schaffe viel. Und dann werde ich wieder vollständig ausgebremst. Unvorhersehbar. Unberechenbar. Vor allem aber zermürbend. Und Migräne macht – wie jede Krankheit – auch einsam, zieht mich runter und zerstört Pläne.

Natürlich kannte ich diesen berühmten Satz von Paulus: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Aber ich habe es mir nochmal vorgenommen, ganz genau durchbuchstabiert, durchlebt und durchgerungen: schwach sein, unvollkommen sein, nicht perfekt.

Paulus berichtet im 2 Kor 12,7, dass ihm ein Pfahl ins Fleisch gegeben wurde. Das griechische Wort skolops bezeichnet einen Dorn, einen Pflock oder einen spitzen Pfahl, der sich in den Körper bohrt und bleibt, sticht und nicht loslässt. Kein Schmerz, der vergeht, sondern chronisch und dauerhaft reizt und quält.
Man weiß nicht genau, welche Not bzw. Krankheit es war. Spekulationen reichen von Augenleiden über Epilepsie, bis tatsächlich hin zu wiederkehrenden Kopfschmerzen. Die älteste Auslegung in dieser Richtung kommt von Tertullian (ca. 160 geboren) und besagt, dass Paulus schlimme Migräneanfälle hatte. Migräne passt auf jeden Fall gut: wiederkehrend, nicht heilbar, unsichtbar, Kontrolle demontierend.

Paulus betete immer wieder zu Gott, er möge ihn befreien und heilen. Er betete letztlich: „Perfektioniere mich, Gott. Optimiere mich. Mach mich perfekt!“
Und dann hört er das Wort des erhöhten Herrn an ihn gerichtet. Und von ihm lasse ich mir was sagen. Dies lasse ich mir immer wieder ins Herz fallen. Ins Hirn. In die Ohnmacht. In die Sehnsucht nach Perfektion, nach Heilung, nach einfach normal funktionieren können. Gerade unsere Verlegenheiten sind Gottes Gelegenheiten.
Und Jesus sagte zu mir:

Meine Gnade ist alles, was du brauchst.
Meine Gnade reicht für dich aus. Lass dir an meiner Gnade genügen.
Denn meine Macht wird in Schwachheit vollbracht, erfüllt und vollkommen zum Ziel gebracht.
Meine Kraft zeigt sich in deiner Krankheit, ja vollendet sich mitten in deiner Schwäche!
(nach 2 Kor 12,9f)

Und nun bin ich zufrieden mit meiner Schwäche,
damit die Kraft von Christus durch mich wirken kann,
in mir wohnt und über mir zeltet.
Darum bin ich guten Mutes, mag meine Schwachheiten,
habe Wohlgefallen und finde sie gut,
da ich weiß, dass es für Christus geschieht,
so bin ich mit meinen Krankheiten, Nöten, Ängsten versöhnt.
Denn wenn ich schwach bin, bin ich stark.

Das griechische Wort für vollendet ist dasselbe Wortfeld wie vollkommen, ganz, reif, perfekt. Perfektion im biblischen Sinne entsteht nicht trotz Schwachheit, sondern durch sie. Also das genaue Gegenteil von menschlichem Perfektionismus. Migräne erzwingt, was der Perfektionismus verbietet: innehalten, loslassen, hilfsbedürftig sein.

Bei dem paulinischen Paradoxon Wenn ich schwach bin, bin ich stark geht es nicht um Verklärung von Schmerz, sondern es ist eine Identitätsverschiebung. Ich bin nicht mehr definiert durch das, was ich kann. Meine Stärke kommt nicht aus mir. Ich muss nicht vollständig sein. Perfekt sein. Ich bin gehalten. Es genügt, es reicht, es ist ausreichend.

Ich kann nicht sagen: „Das ist nun alles großartig und einfach, die Migräne ist gut!“ Paulus hat ja auch dreimal gebetet und ernsthaft gefleht, dass es weggeht. Ich habe sicherlich mehr als dreimal um Heilung gebeten; auch andere für mich. Und Gott kann es tun. Doch bis dahin buchstabiere ich die großen Gottesworte in meinem Migränealltag immer wieder klein nach. Und ich lerne Tante M. als Teil meiner Lebensfamilie zu akzeptieren. Vielleicht entdecke ich dabei noch ganz andere Personen meiner unperfekten Familie.

An diesem Artikel habe ich übrigens immer wieder gearbeitet, wenn ich Migräne hatte – natürlich nicht während der extremen Attacken. Manches hat dadurch länger gedauert, anderes musste ich liegen lassen oder konnte es erst beim nächsten Anlauf wieder aufnehmen. Vielleicht ist auch das ein Teil dieses Artikels. Denn um Perfektion geht es mit Migräne ohnehin nicht.


Lieber Jonas!
An dieser Stelle schicken wir dir einen herzlichen Gruß nach Sachsen in deine neue Aufgabe als Pfarrer. Wir haben dich schweren Herzens aus der Redaktion des Hoffen-Magazins gehen lassen und danken dir für dein vielfältiges Engagement, deine Ideen, deine wunderbaren Texte und dein zuversichtliches Vorangehen, als es um die Neugestaltung unserer Zeitschrift ging. Wir werden dich, deine theologische Tiefe und dein Know-how sehr vermissen und sind dankbar für die Verbundenheit, die nach wie vor besteht.
Wir wünschen dir und deiner Familie Gottes überfließenden Segen.
Shalom!
Dein Hoffen-Team