Endlich bist du da

Blick hinter die Kulisse meines Perfektionismus

Immer stark sein und keine Schwäche zeigen? Gottes bedingungslose Liebe befreit dich vom Leistungsdruck und lässt neue Freude wachsen.

Lesedauer: 9 Minuten

Carolin Schneider
Carolin Schneider

Ich muss gut sein. Ich muss es richtig machen. Ich muss es können. Und wenn ich es nicht kann, dann soll es bitte möglichst keiner sehen. Diese inneren Sätze waren meine Begleiter. Niemand hatte sie laut in mein Leben gesprochen, und von außen waren sie oft nicht zu erkennen. Genau das war auch mein Ziel: Niemand sollte meine Schwäche sehen! In diesem Text werfe ich einen Blick hinter die Kulisse.

Von meinen Eltern fühlte ich mich geliebt und angenommen. Druck, gute Leistungen erbringen oder besondere Erfolge vorweisen zu müssen, habe ich von ihrer Seite nicht erlebt. Das war auch gar nicht nötig. Schon in meinem ersten Schulzeugnis wurde mir bestätigt, dass ich selbstständig, sorgfältig und gewissenhaft arbeite, Verantwortung übernehme und mich gut in die Gemeinschaft einfüge. Genau so wollte ich sein. Und genau so wollte ich auch wahrgenommen werden.

Wenn andere einen Streich spielten, machte ich nicht mit. Wenn Freunde nachts über den Zaun des Freibads kletterten, war ich natürlich nicht dabei. Ich war eine gute Schülerin. Aber laut vorlesen? Ein Referat halten? Eine Bibelarbeit für die Jugendgruppe vorbereiten? Nein! Nur, wenn es unbedingt sein musste. Was, wenn ich mich verhaspeln oder etwas falsch machen würde? Eigentlich hatte ich nie erlebt, öffentlich beschämt zu werden, doch trotzdem war die Angst da. Vermutlich bemerkte sie kaum jemand, weil ich gelernt hatte, sie zu kompensieren: Ich zeigte eben das, was ich gut konnte, und wirkte dadurch selbstbewusst.

Leider ist ein solcher Lebensstil auf Dauer sehr anstrengend und kostet viel Kraft. Spätestens als meine Kinder geboren wurden, merkte ich, dass sich etwas ändern musste. Ich wollte sie nicht mit dem Druck belasten, ebenfalls immer gut sein zu müssen, damit ich am Ende Anerkennung bekomme. (Mit Sicherheit ist mir das oft nicht gelungen. Ihr Vier: Es tut mir leid!)

In den vergangenen Jahren habe ich mich intensiv mit mir und meiner Familiengeschichte auseinandergesetzt, denn körperlich und emotional war ich an Grenzen gekommen, die ich nicht länger übergehen wollte. Warum glaubte ich immer, zu wenig zu leisten, obwohl ich den ganzen Tag beschäftigt war? Wozu war es so wichtig, gut dazustehen? Es ging mir nicht darum, fehlerfrei zu sein. Das fand ich noch nie erstrebenswert. Die Überzeugung, die sich am tiefsten in mir festgesetzt hatte, lautete: „Wenn du nichts leistest, hast du keine Berechtigung zu bleiben.“ Dieser Gedanke war mein Antreiber. Er half mir, möglichst vieles gut und richtig zu machen, und schützte mich gleichzeitig vor Verletzungen. Inzwischen ist mir klar, dass dieser Satz seinen Ursprung lange vor meiner Geburt hatte. Bereits mein Vater trug diese Überzeugung in sich.

Als er acht Jahre alt war und nachdem er schon viel Ablehnung erlebt hatte, brachte seine Mutter ihn in eine neue Schule. Sie sagte, sie würde ihn mittags abholen. Doch sie kam nicht. Statt einer Schule erwartete ihn ein Kinderheim. Er war mutterseelenallein. Wie verloren er sich in diesem Moment und den Jahren danach gefühlt haben muss, kann ich nur erahnen. Fünf Jahre später kam er in eine Pflegefamilie, die ihn nach kurzer Zeit wieder weggab. In der nächsten Familie fand er Heimat, war aber gleichzeitig billige Arbeitskraft, wie es damals vielerorts in bäuerlichen Betrieben üblich war. Er konnte sich also nie sicher sein, bleiben zu dürfen, weil es für ihn keinen Ort bedingungsloser Liebe und Annahme gab. Sein Wert war immer an Bedingungen geknüpft und von der Angst begleitet, verlassen oder abgelehnt zu werden. Seine Geschichte kann man in dieser Ausgabe von (damals noch) Brennpunkt Seelsorge Heft 1/21 nachlesen.

Was hat das mit mir zu tun? Ich war ein echtes Papakind. Ich liebte ihn über alles und fühlte mich eng mit ihm verbunden. Instinktiv spürte ich, dass er große Lasten trug und wollte ihm das Leben so leicht wie möglich machen. In Konflikten ergriff ich fast immer für ihn Partei und nahm ihn in Schutz. Er war mein Held. Zu erkennen, dass auch mein Vater nicht perfekt war, war ein wichtiger erster Schritt der Loslösung.
Meine Bindung zu ihm war so eng, dass ich ihn am liebsten vor allem Schweren geschützt und von seinem Schmerz erlöst hätte. Zwei Alltagssituationen sind mir besonders in Erinnerung geblieben: Einmal waren wir gemeinsam im Schwimmbad. Er wollte mich im Wasser tragen. Jeder weiß, dass man im Wasser fast nichts wiegt. Trotzdem dachte ich, ich sei zu schwer für ihn und ließ mich nicht von ihm tragen.
Ein anderes Mal war ich mit ihm im LKW unterwegs. Wir lieferten Waren aus. Beim Schieben eines schweren Rollcontainers fuhr er mir mit einem Rad über den Zeh. Ich trug nur Sandalen, und mein Zeh begann sofort zu bluten und zu pochen. Trotzdem sagte ich nichts und verheimlichte die Verletzung vor meinem Vater. Er sollte sich deswegen nicht schlecht fühlen. Lieber litt ich.

Mark Wolynn, Therapeut und Experte auf dem Gebiet der vererbten Familientraumata, schreibt: „Viele von uns nehmen unbewusst den Schmerz ihrer Eltern auf sich. Wenn wir klein sind, entwickeln wir erst nach und nach unser Ich-Gefühl. Damals hatten wir noch nicht gelernt, uns von unseren Eltern abzugrenzen und gleichzeitig mit ihnen verbunden zu sein. […] Wenn wir mit einem Elternteil verschmelzen, teilen wir unbewusst einen Aspekt – oft einen negativen – von dem, was dieser Elternteil in seinem Leben erfahren hat. Wir wiederholen bestimmte Situationen oder Lebensumstände beziehungsweise durchleben diese aufs Neue.“1

Bei mir war es unter anderem die von meinem Vater übernommene Angst vor Ablehnung, die ich immer wieder neu durchlebte und die mich dazu brachte, nach außen alles gut und möglichst souverän aussehen zu lassen.
Doch hatte ich nicht nur seine Angst übernommen, sondern auch seinen Schutzmechanismus. In meinem Inneren war daraus so etwas wie ein Wächter geworden. Er passte auf mein Herz auf und machte seinen Job sehr gewissenhaft. Er sorgte dafür, dass ich meine Aufgaben gut machte und – ganz wichtig – dass andere das auch sahen. Gleichzeitig hielt er mich davon ab, neue Erfahrungen zu machen. Denn die konnten ja „gefährlich“ sein.
Besonders deutlich zeigt das ein Erlebnis aus meiner Jugend. Ich wollte in der Gemeinde etwas ansagen und war plötzlich sehr aufgeregt, weil alle mich anschauten. Ich spürte, dass ich auf keinen Fall versagen durfte, sonst…! Mir wurde fast schwarz vor Augen, und um nicht ohnmächtig zu werden, legte ich mich auf der Bühne hin. Das war mir dann richtig peinlich und mein Herz traf wieder einmal die Entscheidung: Diese Blöße gibst du dir nicht mehr!
Als ich viele Jahre später in die OJC kam, ließ es sich kaum vermeiden, gelegentlich vorne zu stehen. Wie oft habe ich meinem Herzen gut zugeredet und ihm erklärt, dass nichts zu befürchten sei. Doch mein Wissen allein brachte mich an dieser Stelle kaum weiter. Mein Kopf hatte verstanden, dass Jesus für mich ist und meine Sicherheit nicht von meiner Leistung oder meinem „Auftritt“ abhängt. Aber es gab diesen Teil meines Herzens, der das nicht glauben konnte. Er brauchte kein weiteres Wissen, sondern eine neue Erfahrung! Mir wurde klar, dass dieser Herzensteil, der so lange tapfer seinen Job gemacht hatte, mit Jesus in Verbindung kommen und lernen musste, ihm zu vertrauen.

In der Seelsorge hatte ich vor einiger Zeit ein wichtiges Erlebnis. Während eines Immanuel-Gebets sah und erlebte ich, wie dieser verletzte Teil meines Herzens in die Arme Jesu sprang und dort die tiefe Erfahrung machte, von Jesus gehalten und bedingungslos geliebt zu sein. Ich konnte förmlich hören, wie Jesus sagt: „Endlich bist du da.“
Es war ein langer Weg dorthin. Viele Jahre und viele Schritte lagen zwischen dem ersten Erkennen, dem Verstehen und schließlich dem Vertrauen. Jener Herzensteil traf in diesem Moment die grundlegende Entscheidung: Ich will diesen Schutz nicht länger aufrechterhalten. Ich will nicht ständig Leistung bringen, um sicher zu sein. Ich springe jetzt in diese Arme.

Auch im Heute sehe ich noch vor mir, wie Jesus mich hält und kann körperlich die Ruhe fühlen, die dadurch eingekehrt ist. Und in meinem Alltag nehme ich wahr, dass etwas Neues wächst: Freude statt Druck. Gelassenheit statt Angst. Ich merke, dass ich Lust bekomme, Neues auszuprobieren. Nicht immer, aber doch wahrnehmbar.
Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich bei einem Seminar eine Bibelarbeit halten könnte. Früher hätte ich sofort abgesagt. Diesmal wollte ich zumindest darüber nachdenken. Und tatsächlich machte mir der Gedanke daran Freude und ich bereitete die erste Bibelarbeit meines Lebens vor. Auch das Halten selbst wurde für mich zu einem überraschend schönen Geschenk. Ich war gar nicht aufgeregt. Irgendwie befreiend.

Meine Hoffnung ist, dass sich diese Erfahrung Schritt für Schritt in meinem Alltag fortsetzt. Ein Gebet von Romano Guardini gehört schon lange zu meinen Lieblingsgebeten und hilft mir dabei. Ich wünsche mir, dass es immer wieder von meinem Kopf ins Herz rutscht: Ich bin von Gott geliebt. Das allein genügt. Er hat Freude an mir. Punkt. Ich kann nur jede und jeden dazu ermutigen, den Blick hinter die Kulisse zu wagen. Jesus erwartet uns schon. Er fängt uns auf.


  1. Wolynn, Mark: Dieser Schmerz ist nicht meiner. Wie wir uns mit dem seelischen Erbe unserer Familie aussöhnen, München 2017, S. 91. ↑