Wie viel perfekt braucht man eigentlich, um als Perfektionist durchzugehen? Und ist das jetzt erstrebenswert oder doch eher bedenklich?
Mir scheint, es gibt bei diesem Thema eine relativ flexible Skala, in die wir uns, je nach Vergleichspersonen, mal eher im oberen, mal im unteren Mittelfeld einordnen. Pedantisch, kontrollierend und kleinlich will ja wohl niemand sein? Aber ebenso wenig nachlässig, gleichgültig oder gar schlampig. Und wie immer scheint es doch um die gut ausgewogene Mitte zu gehen, oder etwa nicht? Nicht zu viel, aber auch auf keinen Fall zu wenig. Nicht zwanghaft, aber auch nicht fahrlässig.
Und schon komme ich bei diesen Überlegungen mit einem Teil meines Herzens in Berührung, der vor allem ein Anliegen hat: es richtig zu machen. Sogar so richtig, dass es nicht perfektionistisch ist. Richtig im Sinne von so wenig anstößig und angreifbar wie möglich. Und so sehr wie möglich gefällig, angenehm und dienlich. Krass, das ist ja noch perfekter als perfektionistisch! Und spätestens ab hier gehöre ich wohl doch zur Zielgruppe dieses Heftes.
Dabei versteckt sich diese Seite bei mir im Alltag ganz gut hinter Staubflocken und der großen Kiste mit Einzel-Socken.
In Schulnoten kommt meine Haushaltsführung meistens gerade so auf eine 4. Die Pünktlichkeit liegt an guten Tagen bei 3−. Ganz zu schweigen von meinem Dauer-Abo auf Schussligkeiten und Fettnäpfchen. Und trotzdem: In so vielen Bereichen ist es mein Bestreben, meine Sache „richtig gut“ und „ganz richtig“ zu machen. Und bei hohen Erwartungen an mich und andere oder beim ausgeprägten Vermeiden-Wollen von Kritik und Fehlern bin ich richtig gut am Start. Eben in den Bereichen, die ich als wichtig erwähle und die mir entsprechen.
Erst letzte Woche ist mein Mann auf einen emotionalen Vulkan gestoßen, als er meine spät abends nicht enden wollende To-do-Liste für die Geburtstagsvorbereitungen unserer Tochter in Frage stellte.
Oder wie intensiv mich die letzten Seminarvorbereitungen beschäftigt haben. Bis zuletzt habe ich verändert, verbessert, gefeilt und korrigiert – und vieles andere liegen lassen.
Oder wie lang es mir nachgeht, wenn ich merke, dass ich andere mit einer unbedachten Bemerkung überfahren, genervt oder übergangen habe. Das eifrige Bestreben meines inneren Richtigmachers ist es am Ende des Tages, ein „Das hast du herausragend gut gemacht“ zu hören. Der ist nicht entspannt, wenn Ansprüche nicht erfüllt werden, und macht Stress, wenn etwas danebengeht.
Aber wo verläuft die Grenze zwischen dem wunderbaren Streben danach, etwas so gut wie möglich und mit Exzellenz zu machen, und dem unleidigen Getriebensein von den eigenen Ansprüchen?
Ich versuche, mir auf die Spur zu kommen mit Fragen wie: Wem dient das Erfüllen meines hohen Anspruchs? Treibt mich mein Bedürfnis nach Anerkennung und Gesehenwerden vor sich her? Fürchte ich, andere zu enttäuschen? Oder bin ich einfach voll im Flow, mittendrin in der Tätigkeit, die mir entspricht? In welchem Verhältnis stehen Aufwand und Ergebnis? Was würde passieren, wenn Fehler auftreten? Und auch: Was bräuchte mein innerer Richtigmacher, um entspannter zu sein?
In unserem Gesprächszimmer hängt seit längerer Zeit ein Kalender mit hebräischen Worten und ihrer möglichen Übersetzung. Dort ist mir „chesed“ begegnet. Darunter steht: „die wilde, ewig treue, unbändige, hemmungslose, extravagante, unermüdliche und verschwenderische Liebe und Gnade Gottes“. Das hat mich erwischt!
Chesed ist eine der zentralen Wesensbeschreibungen Gottes. Rund 250mal kommt es im Alten Testament vor, meistens wird es mit Gnade übersetzt.
Ich liebe das Entdecken von Worten. Wenn sie mit ihrer Vielzahl von Bedeutungen auf einmal mehrdimensional und lebendig werden. Es gibt für Chesed keine direkte Entsprechung im Deutschen. Nur ein Sich-Annähern. Chesed ist keine statische theologische Richtigkeit, sondern eine Bezeichnung für die unermüdlich handelnde und sich ausdrückende Zuwendung Gottes. Kein passiv-lässiges: „Ich drück mal ein Auge zu“, sondert ein: „Ich seh genau hin und wende mich dir voller Liebe zu“. Zutiefst auf Beziehung angelegt. Die Bundestreue Gottes zeigt sich darin. Chesed ist nicht mal da und mal nicht. Diese Gnade bleibt. Und sie ist leidenschaftlich. Uns auf den Fersen. Wie am Ende von Psalm 23, wo es heißt, sie folgt uns, sie jagt uns nach. Und ich bin sicher, das macht sie, bis sie uns kriegt. Und vor uns wartet sie auch schon.
Für mein Herz, das es so gern hat, wenn alles ist, „wie es sein soll“, ist diese Gnade wie ein Sommerregen auf durstigen Boden. Mein innerer Richtigmacher nimmt darin – noch ein bisschen ungläubig – immer wieder eine ausgiebige Gnaden-Dusche.
Jedes Mal, wenn ich gerade auf eine Gnaden-Stelle in der Bibel stoße, schaue ich nach, ob es „chesed“ ist.
Das absolute Feuerwerk ist Psalm 136. Unermüdlich und immer wieder kommt der Kehrvers: denn Seine Gnade währet ewiglich. Sein Chesed bleibt für immer. Was auch immer der Psalmist schreibt: die Antwort ist diese unfassbare Gnade. Meine eigene Psalm-136-Variation könnte ungefähr so anfangen:
Du, Herr, siehst mich.
Mit allem, was ich mitbringe.
Und deine Gnade währet ewiglich.
Wieviel Energie habe ich aufgebracht,
um mein Richtig hinzubekommen.
Und deine Gnade währet ewiglich.
Ich merke, ich schaffe es nicht.
Die Decke ist zu kurz.
Irgendwo ist es immer zu wenig.
Und deine Gnade währet ewiglich.
Jedes Erleben, von dem ich schreibe, wird umfangen von Gnade. Einzelne Namen kommen dazu. Versäumtes, Ersehntes und Gelungenes. Alles eingebettet in Seine himmelweite Gnade.
Wie das wohl bildlich aussieht? Und wie sich diese Gnade anfühlt, wenn sie mein Herz erreicht? Wie ist Sein Blick auf mich, wenn Er mich voller Gnade und Liebe anschaut? Wie ist Sein Blick auf den Teil meines Herzens, der sich abmüht, herausragend zu sein?
Ich vertraue mich und alle, die mir am Herzen liegen, dieser sorgenden, liebenden, rettenden, treuen und zugewandten Liebe an. Dieser Gnade, die reicht. So weit der Himmel ist.
Vielleicht magst du deinen eigenen Psalm schreiben. Der Kehrvers steht schon. Ich für meinen Teil schließe diesen Artikel jetzt ab. Ich fürchte, er ist nicht perfekt, aber das versuche ich mal fröhlich auszuhalten. Und gehe dafür meinen Küchenboden putzen. Denn seine Gnade währet ewiglich.