Auf Augenhöhe
Manchmal stehen wir knöcheltief im Matsch oder hüfthoch im Wasser. Die Sorgen reichen uns bis zum Hals, die Arbeit steigt uns über den Kopf oder wir überragen einander um Haupteslänge oder Haaresbreite. Mit den meisten dieser „körperlichen Maßeinheiten“ beschreiben wir Abstände, Hindernisse und Unterschiede in unserer Erlebniswelt. Einer dieser Ausdrücke unterscheidet sich davon grundlegend, denn er beschreibt keine Differenz, sondern eine Verbundenheit, und er steht auch nicht für sich, sondern er braucht ein Gegenüber: die Augenhöhe.
Auf-Augenhöhe-Sein ist ein Beziehungsgeschehen. Wir begegnen uns von Angesicht zu Angesicht. In diesem gegenseitigen Ansehen sind wir einander gewachsen, ebenbürtig, wohlwollend und gleichwertig. Es geht gerade nicht um ein Oben oder Unten.
Für Freundschaft ist Augenhöhe eine der zentralen Metaphern. Und von vielen kleinen und großen Menschen werden solche Augenhöhe-Freundschaften zutiefst ersehnt.
Die Erinnerung an mein erstes Freundschafts-Sehnen reicht in die Kindergartenzeit zurück. Gerade war ich vier geworden, zum dritten Mal umgezogen und in zappeliger Vorfreude, endlich eine richtige Freundin zu finden.
Aber auch bei Kindern funktioniert das nicht einfach so, dass man sie zusammensteckt und dann werden sie schon Freunde. Bei mir jedenfalls war das nicht der Fall. Die „Empfangstruppe“ begrüßte mich erstmal jeden Morgen mit an der Fensterscheibe plattgedrückten Nasen und einem lang andauernden Zu-spät-ge-kom-men-Gebrüll. Nicht nur, dass wir mit neugeborenem Schwesterchen und tiefenentspannter Mama nicht pünktlich von Zuhause wegkamen und deshalb meistens wirklich spät dran waren, auch „beziehungsmäßig“ hatte ich den Eindruck, dass ich „zu spät gekommen bin“ und alle Freundschaftsplätze längst besetzt waren.
Oft ist das eine harte „Freundschafts-Schule“ im Kindergarten- und Schulalter. Kindliche Ellbogen-Härte, deutlich erklärte Hierarchie und jede Menge Unberechenbares tummeln sich da. Und so schnell es ein „Willst du meine Freundin sein?“ geben mag, so schnell ist dieser Status auch wieder gekündigt. Besonders für sensible Kinder eine echt harte Nuss. Wohl denen, die das anders erlebt haben.
Meine Strategie, um mit der Unsicherheit umzugehen und in der Hierarchie weiter nach oben zu steigen, hieß: Anpassung lernen und Vorsprung erarbeiten. Ich begann ein Gespür zu entwickeln, wie ich gefallen, auffallen oder auch mal unsichtbar werden kann. Ich lernte, in Sekundenschnelle wahrzunehmen, was gut ankommt und was nicht. Ich arbeitete daran, groß, vernünftig, klug und selbständig zu sein, immer darauf bedacht, die eigene Verletzlichkeit und das riesige Bedürfnis nach Freundschaft nicht zu zeigen.
Aus diesen mit den Jahren gelernten Strategien sind sehr brauchbare Sozialkompetenzen erwachsen, die mir bis heute dabei helfen, andere wahrzunehmen, Stimmungen zu erspüren und mich selbst zurückzunehmen.
Nur für die freundschaftliche Augenhöhe, für dieses gegenseitige Sich-Sehen und Erkennen, sind sie nicht so hilfreich. Denn dazu gehört nicht nur sehen, sondern auch gesehen werden. Nicht nur helfen, sondern auch Hilfe annehmen, nicht nur hören, sondern auch Gehör finden.
Ich spreche hier für all die, die leichter tragen als sich tragen lassen. Die gewohnt sind, souverän, kompetent und einfühlsam zu sein (das alles natürlich in größter DemutJ). Für alle, die sich gut zurücknehmen können und um jeden Preis verhindern wollen, eine Zumutung für andere zu sein. Für alle großen Schwestern, für Durchhalter, Helfer, Unterstützer und Verantwortungsträger. Für alle, die gute Fragen stellen können. Die wissen, wie sie den anderen zum Reden bringen. Die Raum schaffen können für andere.
Und die sich so schwertun, selbst diesen Freundschaftsraum in Anspruch zu nehmen. Weil diesen zu betreten schlagartig das Risiko erhöhen würde, zurückgewiesen zu werden. Und weil sie sehr gut prüfen, ob der Boden in diesem Raum sie aushält.
Bei meinem letzten Schul-Umzug war ich 18 Jahre alt. Alle Neuanfangsstrategien beherrschte ich inzwischen. Ich war souverän, witzig, offen, kommunikativ, schnell integriert, nach einem halben Jahr schon Stufensprecherin… Aber sobald der Pausengong ertönte, waren alle in ihren festen, eingespielten kleinen oder großen Freundesgrüppchen unterwegs und ich wusste nicht, wie ich mich einklinken kann, ohne meine Verletzlichkeit zu zeigen. Meine Sehnsucht nach jemand, der mich einfach mitnimmt, war so groß. Aber die Angst und Beschämung, dass jemand diese Sehnsucht sehen könnte, war noch größer. So ging ich einige Monate lang meine Allein-Runde außerhalb des Schulgeländes. Einsam, aber in Sicherheit. Manchmal nahm ich einen noch einsameren Austauschschüler aus Brasilien mit. (Seitdem halte ich immer wieder nach den Allein-Runden-Drehern Ausschau und hoffe, dass ich aufmerksam bleibe für sie).
Ich bin sehr froh, dass ich mit den Jahren immer wieder auf Menschen getroffen bin, die mich hineingelockt haben in Freundschaftsräume. Mit denen ich das wundervolle Auf-Augenhöhe-Sein, das Freundschaft bedeutet, erleben kann. Aber die Herausforderung bleibt. Immer noch will ich tunlichst vermeiden, dass andere mich (er)tragen, dass ich meine „Redezeit“ überschreite, dass ich anderen irgendwie lästig bin. Immer wieder muss ich mich vergewissern: Ist dir zu viel, was ich erzähle? Kannst du noch? Strapaziere ich deine Aufmerksamkeit und Kraft?
Wir, die wir von der Sorte „Zumutung-sein-Vermeider“ sind, dürfen wohl weiter lernen, dass Beziehung wächst, wenn wir uns zeigen. Ich entdecke immer wieder, dass der andere mich oft sehr viel besser und leichter erträgt, als ich gedacht hatte. Und auch, dass mir immer mal ein Zacken aus meiner Kompetent-und-souverän-Krone fallen darf, wenn ich mir zugestehe zu zeigen, dass ich andere brauche und Beziehung ersehne.
Und an die anderen, die sich mit Sich-Zumuten leichter tun, oder sich noch nie Gedanken über all das gemacht haben, alle, die leicht Raum einnehmen, die sich nicht scheuen, sichtbar zu sein: Danke, dass ihr uns an dieser Stelle vorangeht und uns zutraut, euch zu sehen und zu hören. Und danke, wenn ihr euch manchmal daran erinnert: Fragen und gutes Zuhören, ehrliches Interesse und echte Aufmerksamkeit sind richtig gute Türöffner für uns.
Aber es gibt noch einen elementaren, inneren Freundschaftsraum. Der ist bei dem, der sagt: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du stehen (2 Mose 33,21). Was für eine unfassbar schöne Einladung, in Seinen Freundschaftsraum zu kommen. Ich liebe diesen freigehaltenen Raum bei Ihm. Der Boden in diesem Raum hält mich aus. Dort muss ich mich nicht leicht machen. Hier kann ich meine Überheblichkeiten und Minderwertigkeiten, meine scharfen Urteile über mich und andere und all meine Schutzstrategien mitbringen und von Ihm anschauen und umlieben lassen. Von Ihm, der sich tatsächlich so tief geneigt hat, bis er mit mir auf Augenhöhe ist. Der sich selbst so verletzlich macht, indem Er zeigt, dass Er,
der Herr der Welt, Beziehung ersehnt. Augenhöhe-Freundschaft. Mit mir und auch mit dir.