Vier Freunde vertrauen für Phil
Ich möchte zeigen, dass Freundschaften uns dabei eine notwendige und heilsame Ergänzung werden müssen. Aber psst – zuerst tauchen wir in eine Geschichte ein:
Die Gassen von Kapernaum sind eng. Staub liegt schwer in der Luft, auf den Füßen, in den Kleidern, in den Lungen. Aus einem Haus dringt erwartungsvolle Unruhe, Stimmen, dichtes Gedränge. Jesus ist dort.
Vier Männer bahnen sich ihren Weg. Ihre Schultern brennen unter dem Gewicht der Trage. Die Hände schmerzen. Einer wischt sich den Schweiß von der Stirn. Der Kranke stöhnt leise. Vielleicht vor Schmerzen. Vielleicht auch aus Angst, wieder abgewiesen zu werden.
Die vier kämpfen sich durch die Menge. Sie stoßen an Grenzen. Sie kommen nicht durch. Zu viele Menschen. Zu wenig Raum. Sie finden keinen Weg. Aber ihr Glaube sucht sich einen. Nicht den bequemsten, sondern den möglichen. Einen Moment lang stehen sie still. Dann ein kurzer Blick. Kein Wort. Eine Entscheidung. Sie tragen ihn nach oben aufs Dach. Ihre Hände reißen den Lehm auf.
Dreck wirbelt auf. Finger bluten, Arme zittern. Dann knien sie am Rand der Öffnung, blicken einander an. Für ihn machen wir das. Für ihn stehen wir jetzt ein. Und lassen ihn hinab.
An Seilen. An ihren Händen. An ihrem Glauben. Er schwebt zwischen Himmel und Erde.
Und dann heißt es in der Bibel: Als Jesus ihren Glauben sah, sprach er: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. (Mk 2,5)
Nicht seinen, sondern ihren Glauben. Jesus sieht den Glauben der vier Träger. In ihren schmerzenden Armen. In ihren aufgerissenen Händen. In ihrer Weigerung, sich abweisen zu lassen. In ihrem kreativen und entschlossenen Handeln. In ihrem unbedingten Vertrauen, in seiner Nähe echte Hilfe für ihren Freund Phil zu bekommen. Phil?
Wir wissen nichts über Phil. Ehrlich gesagt nicht einmal, dass er Phil heißt. Aber wir nennen ihn hier so, denn der Name bedeutet einfach „Freund“. Und das ist er: Freund von vieren. Uns ist nur noch überliefert, dass er krank war. Gelähmt. Er bleibt in der Erzählung passiv. Er tut nichts, sagt nichts.
Und dennoch – völlig unabhängig von seinem Glauben, seinem Tun, seiner Leistung – Jesus vergibt ihm die Sünden. Ob Phil selbst an Jesus geglaubt hat, wird nicht gesagt. Es spielt auch keine Rolle. Für Jesus reicht der Glaube der anderen! Die vier steigen Ihm aufs Dach! Der Glaube der vielen trägt den einen und wirkt für ihn heilsam! Vier Freunde vertrauen für Phil.
Dieser eine Satz in Mk 2,5 stellt unser modernes Glaubensverständnis infrage. Wir sind es gewohnt zu sagen: Jeder muss selbst glauben. Das ist ein innerer Akt zwischen mir und Gott. Vergebung der Sünden bekomme ich, wenn ich selbst Gott darum bitte.
Seit der Aufklärung steht der selbstbestimmte, unabhängige Mensch im Zentrum. Das „Ich glaube“ wurde zur höchsten Form geistlicher Authentizität. Das war eine Errungenschaft, aber auch ein Verlust – es ist nur die halbe Wahrheit.
Gott zeigt uns hier etwas anderes: Das Evangelium erzählt Glaube nie nur individuell, sondern immer auch gemeinschaftlich getragen, stellvertretend gelebt. Und genau das begegnet uns mit überraschender Kraft in Markus 2. Ein Mensch wird zu Jesus gebracht – getragen vom Glauben anderer.
Kann man denn stellvertretend für jemand anderen glauben?
Stellvertretung erleben wir im Alltag immer wieder. Wir nehmen einander Dinge ab, ganz selbstverständlich: Wir erledigen den Wocheneinkauf für jemanden, der gerade nicht aus dem Haus kann. Wir holen Medikamente aus der Apotheke, wenn ein anderer krank im Bett liegt. Mit einer Vollmacht regeln wir Bank- oder Behördendinge für jemanden, der es gerade nicht schafft. Im Verein springt der Stellvertreter ein, wenn der Vorsitzende verhindert ist. Eltern unterschreiben Formulare für ihre Kinder. Kollegen übernehmen Dienste für jemanden, der plötzlich ausfällt.
All das kennen wir. Aber wenn es um meine Jesusbeziehung geht, tun wir uns mit Stellvertretung plötzlich schwer. Doch warum sollte das ausgerechnet beim Glauben aufhören? Ich weiß, das ist für uns Fromme eine harte Nuss. Aber sie muss geknackt und genossen werden – sehr nahrhaft! Denn in der Bibel spielt das heute ungewohnt und manchmal sogar anstößig wirkende Prinzip der Stellvertretung eine zentrale Rolle:
Schon im hebräischen Denken wird Identität nicht als isoliertes Individuum, sondern gemeinschaftlich verstanden. Israel wird als ganzes Volk erwählt, als Ganzes gesegnet – und manchmal auch als Ganzes ermahnt. Der Bund der Beschneidung (Gen 17,10) markiert nicht eine persönliche Bekehrung, sondern die generationenübergreifende Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Das rein private, innerliche Glaubensverständnis ist dem Alten Testament eher fremd.
Auch die großen Gestalten Israels handeln stellvertretend. Mose tritt für sein Volk ein (Ex 32,7ff). Die Propheten beten und klagen – oft nicht für sich selbst, sondern für das ganze Volk. Stellvertretung ist hier nicht Ausnahme, sondern Kern geistlicher Verantwortung.
Die ersten Christen lebten alle beieinander (vgl. Apg 2,44), beteten gemeinsam, trugen einander und verstanden sich als Leib Christi (1 Kor 12). Selbst die Bekehrung Einzelner geschieht eingebettet in familiäre und soziale Zusammenhänge: Lydia und ihr Haus, der Kerkermeister von Philippi und sein ganzes Haus (Apg 16). Glaube ist an Beziehung, an Zugehörigkeit, an Mitgetragen-Sein geknüpft.
Die vielen stellvertretenden Wundergeschichten zeigen uns mit voller Wucht, wie Gott den Glauben eines Menschen zugunsten eines anderen wirken lässt: Der Glaube des Jairus hilft, dass seine Tochter vom Tod erweckt wird (Mk 5,21ff). Der Glaube der syrophönizischen Frau bringt Heilung für ihre Tochter (Mk 7,24ff). Das Bekenntnis des verzweifelten Vaters öffnet seinem epileptischen Sohn die Tür zur Rettung (Mk 9,14ff). Der Jüngling von Nain wird von Jesus aus Mitleid mit der trauernden Mutter auferweckt (Lk 7,11ff). Der königliche Beamte vertraut dem Wort Jesu – und sein Sohn lebt (Joh 4,46ff). Der Hauptmann von Kapernaum glaubt für seinen Knecht und dieser wird gesund (Mt 8,13).
Vielleicht bleibt mir diese Vorstellung vom Glauben fremd. Doch die Verengung auf einen rein individuellen Glauben überfordert mich und erzeugt Leistungsdruck.
Darum: Erweitere deinen Horizont! Lass dich beschenken, korrigieren und ergänzen. In unserer OJC-Grammatik heißt es (20): „Unser Glaube kann Berge versetzen. Wir wissen, dass keiner von uns immer glaubt. Darum brauchen wir einander, um miteinander und zeitweise auch füreinander zu glauben.“
Wenn ich mal nicht mehr kann, wenn mein Glaube müde geworden ist, wenn ich am Stock gehe, wenn ich Jesus aus dem Blick verloren habe, mich wie gelähmt fühle, dann sind da vier Brüder oder Schwestern, die mich schnappen und zu Jesus bringen. Und das ist für manche die größere Herausforderung: „Kannst du bitte für mich glauben? Ich weiß nicht, was los ist. Ich schaffe es gerade nicht allein. Keine Kraft. Ich komme nicht zu Jesus durch.“
Stellvertretender Glaube ist keine Entmündigung, kein beliebiger Ersatz für den persönlichen Glauben und auch kein Heilsautomatismus, aber er vermag – in Fürbitte, im Vorleben, im Helfen, im Aushalten, im Hineinführen – den Glauben mitzutragen, zu stärken, zu verbinden, mitzuwirken. Da, wo du nicht glauben kannst, wirst du von den anderen getragen. Gal 6,2: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Ja, so könnte Familie sein. So könnte Kirche sein: Eine Gemeinschaft von Glaubenden, in der die Zweifelnden, die Verzweifelten, die in ihrer Seele Gelähmten, die an ihrem Körper Kranken, von Freunden getragen werden. Mitgetragen und hingetragen dorthin, wo das Leben zu finden ist und das erlösende Wort. Zu Christus. Gemeinsam das Glaubensbekenntnis sprechen und verkörpern.
Wir alle leben von der Hilfe und dem Glauben anderer, ja letztlich von der Fürbitte Jesu – Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre (Lk 22,32) – und der Stellvertretung Jesu, der sich am Kreuz für unsere Sünden als Lösegeld gab (vgl. Mk 10,45). Das ist Quelle und Zentrum dafür, dass wir stellvertretend und fürbittend glauben.
In einer Zeit, in der Selbstverwirklichung als höchster Wert gilt, ist füreinander glauben ein prophetisches Zeichen. Gegenseitiges Tragen widerspricht dem Diktat der Selbstgenügsamkeit und folgt einer anderen Logik: der Gnade. Und Gnade ist nie privat. Sondern freundlich. Und freundschaftlich. Sie riecht nach Schweiß. Kostet Zeit und Kraft und Tränen. Der moderne Mensch sagt: Ich glaube, also bin ich. Das Evangelium sagt: Wir Freunde vertrauen für Phil. Und manchmal bin ich das sogar selbst …
Der christliche Glaube wird in unserer heutigen Zeit oft als persönliches Projekt verstanden: Mein Glaube, meine Beziehung zu Jesus, meine eigene Entscheidung für ein Leben mit Gott. Es ist sehr wichtig, dass jeder individuell und authentisch glaubt. Natürlich sind für uns Christen der Hauskreis und die Gemeinde bedeutsam. In der OJC leben wir ja in Gemeinschaft. Aber seien wir ehrlich: Letztlich kommt es auf meinen eigenen persönlichen Glauben an.