Einander immer ähnlicher. Koptische Ikone von Jesus und Abbas Menas

Einander immer ­ähnlicher

Betrachtungen zur Ikone „Jesus und Abbas Menas“

Zwei Männer sehe ich, einen alten und einen jüngeren. Nah beieinander stehen sie, und der eine legt dem andern die Hand auf die Schulter. Das bist du, Jesus, gut zu erkennen an dem Kreuz in deinem Heiligenschein. Dein Freund heißt Menas, der Heilige Menas, und soll, der Legende nach, im 3. Jahrhundert als römischer Soldat gedient und sich später als Einsiedler in die Wüste zurückgezogen haben. Andere sagen, er sei Abt des Klosters in Bawit in Ägypten gewesen, bevor er 296 den Märtyrertod starb.

Ich mag diese uralte koptische Ikone, es gibt auf ihr so vieles zu entdecken.
Neben dir, Christus, steht in griechischen Buchstaben das Wort „Soter“ = „Retter“, neben deinem Freund steht „Vater Menas, Wächter“.

Auffällig sind eure Hände. In deiner Linken hältst du ein dickes, reich verziertes Buch – das Wort Gottes, du selbst bist ja das lebendige Wort.

Menas dagegen hat eine eher unscheinbare Schriftrolle in seiner linken Hand. Er ist nicht das Wort – muss es nicht sein – aber er hat etwas zu sagen, hat eine Botschaft, sogar heute noch. Und mir scheint, als zeige er mit seiner rechten Hand auf den, von dem er redet – auf dich, seinen Nebenmann und seinen Freund.
Kann es wirklich sein, dass man mit dir, dem auferstandenen, allmächtigen, unsichtbaren Christus, Freundschaft leben kann? Du bist der Retter der Welt – was liegt dir an einer Freundschaft mit einem einzelnen Menschen?

Freundschaft – das ist Liebe in einer besonderen Gestalt.
Beziehung auf Augenhöhe.
Sich kennen.
Vertrauen.
Einander alles erzählen.
Zuhören.
Für den anderen einstehen.
Vom anderen lernen.
Freundschaft – welch große Sehnsucht wohnt in diesem Wort!

Was wäre, wenn ich es wagte, mich an die Stelle von Menas zu denken? Ich an deiner Seite, als deine Freundin, so nah, und du legtest deine Hand auf meine Schulter? Dann hieße das Bild: Jesus und seine Freundin.
Mir fällt noch etwas auf: Du hast keine Füße. Vielleicht liegt es nur daran, dass die Ikone viele hundert Jahre alt und die Farbe an dieser Stelle abgeblättert ist. Aber es mag auch etwas darüber aussagen, dass du einen Freund, eine Freundin an deiner Seite brauchst – Menschen, die Füße haben, um deine Botschaft in die Welt hinauszutragen.

Am besten gefällt mir, dass ihr euch so ähnlich seid, du und Menas. Vielleicht wird man so, wenn man lange Zeit gemeinsam durch dick und dünn gegangen ist. Bin ich dir auch ähnlicher geworden in der Zeit, die wir gemeinsam unterwegs sind?

Dir ähnlich sein – das hieße, den konkreten Menschen meiner Zeit zu einer Freundin werden, an der sie etwas von der Menschenfreundlichkeit Gottes erkennen können.
Nur bruchstückhaft vermag ich das zu leben.
Doch an deiner Seite und beschenkt mit deiner Freundschaft kann ich lernen zu lieben, ohne die Kosten zu scheuen. So hat auch der Heilige Menas lieben gelernt und er hat es sich alles kosten lassen.

Und ich stell’ mir vor: Als Menas auf so grausame Weise starb, weil er eure Freundschaft nicht verraten wollte, da hast du wieder deinen Arm um seine Schultern gelegt und ihn nach Hause geführt und allen in der himmlischen Welt verkündet:
„Das ist Menas, mein Freund!“