Nicht allein durch dunkle Zeiten. Tröstende Hand auf der Schulter

Nicht allein durch dunkle Zeiten

Zwischen Verlust und Verbundenheit

Unsere Töchter waren gerade vier und sechs Jahre alt, als uns die Diagnose meines Mannes wie ein Schlag traf: Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) – eine unheilbare neuromuskuläre Erkrankung.
Die Lebenserwartung würde irgendwo zwischen zehn Monaten und acht Jahren liegen. Wir hatten noch fünf Jahre miteinander und waren froh für jeden Tag, der uns geschenkt wurde.

Sein Tod markierte einen tiefen Einschnitt. Er fehlte uns sehr – und mich katapultierte er über Nacht in eine neue soziale Rolle als Witwe und Alleinerzieherin. Statt Teil eines Wir nun wieder ein alleinstehendes Ich. Seither habe ich verschiedene Phasen durchlebt – manche erlitten, manche einfach nur überlebt, andere errungen, manche auch frei gestaltet. Zentral war dabei auch die Frage nach meiner sozialen Einbettung. Welche Beziehungen tragen noch? Wo finde ich Gemeinschaft, in der ich mich beheimaten kann? Wo kann ich sein, wie ich bin?

Besonders dankbar bin ich für die Freundschaften, die sich in den letzten Jahren vertieft haben. Für all die Freunde und Freundinnen, die mir die Treue hielten – auch dann, wenn ich nicht in Hochform war und meine Schwachstellen deutlicher ans Tageslicht kamen.
Nein – eine Zeit der Krise ist kein Freibrief für rücksichtsloses Verhalten. Aber ich bin froh, dass es in meinem Leben Freunde gibt, die meine Ecken und Kanten tolerieren und mich trotzdem mögen. Sie wissen, dass ich mehr bin als meine Krise.
Aber nicht alle Freundschaften überlebten die Krisenjahre. Manche zerbrachen im ­Härtetest des Lebens. Das tat weh. Und auch das gab es: in der Krise entstanden auch neue freundschaftliche Kontakte – manche völlig unerwartet. Herausgenommen aus dem Trott des Alltags und konfrontiert mit tieferen und existentielleren Fragen konnten auch neue Verbindungen wachsen.

Der Wert von Treue

Ich bin ein Kind meiner Zeit. Ich bemerke auch bei mir Spuren eines Zeitgeistes, der in Freundschaften Bilanz zieht, kritisch beobachtet und sich fragt: Stimmt das Gleichgewicht von Nehmen und Geben noch? Komme ich auf meine Rechnung? Und wenn nicht, sollte ich nicht einen Schlussstrich ziehen, auf mich schauen und mich abgrenzen?
Ja, Freundschaften brauchen respektvolle Begegnung auf Augenhöhe. Aber wir alle brauchen auch die Barmherzigkeit und Treue anderer. Beide sind im jüdischen und im christlichen Glauben zentrale Merkmale von JHWH, dem Schöpfer dieser Welt und Erhalter unseres Lebens. Nicht Richten oder Aufrechnen lässt uns aufblühen, sondern Orte, an denen wir einfach sein dürfen und auch dann angenommen sind, wenn uns das Leben zusetzt.
Andererseits sind Freundschaften nicht unbegrenzt belastbar. Wie viel darf und kann ich von anderen erwarten? Manche Aspekte meines Beziehungsbedürfnisses konnten meine FreundInnen abdecken. Aber nicht alle. Dafür war die Lücke einfach zu groß. Es blieb vieles, das allein bewältigt werden musste. Neben der Verantwortung nicht zuletzt auch konkrete Herausforderungen des Alltags – vom Organisieren der Autoreparatur bis zur Bekämpfung eines PC-Virus oder einfach nur ein verstopfter Abfluss.
In den letzten Jahren rüttelte dann auch noch die Pubertät unser Familienleben heftig durcheinander. Meine Kinder begannen, mit dem Leben zu hadern, Grenzen auszuloten und mich herauszufordern. Corona und TikTok machten es nicht einfacher. Als Mutter sah ich teilweise ohnmächtig und besorgt zu. Wir verbrachten immer weniger Zeit miteinander und in den kürzer werdenden gemeinsamen Zeiten brauchten meine Töchter meine Klarheit und Präsenz. Das „empty nest“ brachte neue Einsamkeit. Kombiniert mit Sorge, Verantwortung, Perspektivlosigkeit und Ungewissheit braute sich all dies zu einem manchmal sehr dunklen und schweren Lebensgefühl zusammen.

Wir alle sind Empfangende

Heute sehe ich, dass mich diese Herausforderungen verändert haben. Sie haben mich in eine neue Tiefe geführt. R.M. Rilke schreibt treffend: „Unser Herz ist tief, aber wenn wir nicht hineingedrückt werden, gehen wir nie bis auf den Grund. Man muss auf dem Grund gewesen sein.“ Dorthin hat mich das Leben geführt. Dass ich auf diesem Grund nicht zerbrochen bin, dafür bin ich sehr dankbar. Und auch dafür, dass ich trotz allem vertrauen konnte, dass Gott mitgeht und um meinen Weg weiß, dass er mich nicht vergessen hat – auch wenn ich mir dessen nicht immer sicher war. In dem Gebet, das Dietrich Bonhoeffer 1943 in seiner Gefängniszelle schrieb, fand ich manchmal die nötigen Worte zum Beten: „Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen. Hilf mir beten und meine Gedanken sammeln; ich kann es nicht allein. … Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.“
Das Gebet am Morgen und am Abend wurde mir zum stabilisierenden Fixpunkt, an dem ich mich neu ausrichten konnte und zur Ruhe kam. Diese Zeiten wurden mir zum Rückzugsort für die Seele, zu meinem „safe space“. Besonders wertvoll sind mir Tage der Stille in einem Kloster und eine geistliche Begleiterin auf meinem Weg. All dies sind Anker im herausfordernden Alltag. Sie entlasten meine menschlichen Beziehungen und helfen beim Loslassen: meine Kinder dürfen und sollen jetzt selbstständig werden und ausfliegen. Meine Freunde brauchen keinen Vater und Partner ersetzen. Es genügt, wenn sie einfach da sind.

Und christliche Gemeinschaft – ist sie nicht das Netz, das in solch einer Lebenssituation auffängt? Ja und nein. Auch wenn jede Gruppe oder Gemeinde ihre eigene Prägung hat – die meisten sind sehr familienorientiert.
Das ist das Normale. Verheiratet sein. Und nicht alleinstehend mit zwei Kindern.
Zu manchen Veranstaltungen gehe ich nicht mehr, weil es mich einfach zu viel Kraft kostet, nicht dazu zu passen. Manchmal schleicht sich auch das Gefühl ein, auf der gesellschaftlichen Leiter nach unten gerutscht zu sein, nur aufgrund meiner Lebensumstände.
Dabei gibt es in unser aller Lebenswirklichkeit Schmerz und Ohnmacht. Das Leben ist niemals nur Idylle. Wir alle kennen Brüche im Leben, Verletzungen, das Kleine und Schwache. Aber nehmen wir es wahr? Geben wir ihm Raum? Gibt es in unseren Gemeinschaften eine Kultur der Barmherzigkeit? Nicht im Sinne von Almosen, sondern in dem Bewusstsein, dass wir alle Empfangende sind. „Jesus stellte ein Kind in ihre Mitte“. Wer steht bei uns im Mittelpunkt und warum? Und wer steht am Rand? Welchen Raum bekommen Kinder und Jugendliche bei uns, Frauen, Migranten, Kranke, alte und behinderte Menschen? Sehen wir auch ihre vielleicht unbemerkten Gaben, durch die hindurch Gott uns beschenken möchte?
Jesu Auferstehung war nicht losgelöst von Karfreitag und Dunkelheit, Ohnmacht, Einsamkeit und dem Zweifel am Beistand seines Vaters. Auch die Auferstehungserfahrungen in unserem Leben ereignen sich nicht im Direktgang. Sie erwachsen aus unseren Karfreitagen und sie verändern uns, schaffen Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nähe.
Ich bin überzeugt, hier liegt großes Potential für uns als christliche Gemeinschaften. Wenn wir in Zeiten von Digitalisierung und KI, zunehmender Vereinsamung und psychischen Problemen zu Orten echter Gemeinschaft und Authentizität werden, wenn wir uns durch Barmherzigkeit, Mitgefühl und Anteilnahme auszeichnen, dann leben wir eine attraktive Alternativkultur. Das zeichnete auch die ersten Christen aus.

Und das wünsche ich mir auch für mein Leben: die Tiefen immer neu zu begreifen als Chance zur Wahrhaftigkeit. Statt Karriere nach oben Karriere nach unten, in die Arme Gottes hinein – um seine Auferstehungsgnade erfahren zu können. Ich wünsche mir, dass ich immer wieder meine eigenen Vorstellungen von gelungenem Leben loslassen kann, um ganz im Moment zu leben, dass ich die Stimme Gottes in meinem Leben hören kann, um mich von ihr führen zu lassen. Und das Vertrauen, dass Gott mich nicht vergisst, sondern immer neu mitgeht.