Freundschaft braucht Vertrauen
„Willst du uns trauen?“, werde ich immer mal wieder gefragt. Meist antworte ich verschmitzt: „Das ist ja gar nicht die entscheidende Frage. Viel erheblicher ist doch, ob ihr euch traut!“ Und: „Ich muss mich bei einer Trauung ja nicht trauen … für mich ist die Sache nach einer Stunde durch … für euch aber geht es dann erst richtig los!“
Nun denn: Bislang habe ich bei keinem Traugespräch zwei Menschen erlebt, die auf meine freche Anmerkung hin einen Rückzieher gemacht hätten. Aber ich habe solche erlebt, die spürten, dass das mit dem Vertrauen nicht so ganz leicht geht, wie man es sich in romantischen Träumen vorstellt. Das Lexikon der Psychologie schreibt: „Vertrauen ist die Einstellung, einem anderen Menschen zu trauen, und die Geneigtheit, ihn charakterlich für zuverlässig zu halten und ihm zu glauben. Vertrauen ist keinesfalls eine bloße Meinung vom anderen, sondern ein mit ihm eingegangenes persönliches Verhältnis.“ 1 Klingt gut. Einander zu vertrauen muss man sich trauen, das ist uns nicht zwingend in die Wiege gelegt.
Vor einigen Jahren stand auf einer Tagung plötzlich eine junge Frau weinend vor mir. Unter Schluchzen erzählte sie von dem Schrecken, der sie nicht loslässt. In Träumen sieht sie sich selbst im Bauch ihrer Mutter. Und sie sieht, wie diese auf allerlei Weise versucht, ihr werdendes Kind loszuwerden. Ihre Albträume enden mit der Geburt – es ist der Mutter nicht gelungen, ihr Kind zu töten. Das Kind will leben … und schafft es doch kaum. Als tief verwundeter Mensch ringt sie tagtäglich um das Vertrauen in sich und ihre Welt.2
Der Psychoanalytiker Erik Erikson sprach von dem Ur-Vertrauen oder Ur-Misstrauen, das sich in unserer frühesten Kindheit – und die beginnt mit der Zeugung – entwickelt. Unsere Herkunftsfamilie ist dazu der Schlüssel. Das nicht selbstständig lebensfähige Baby vertraut sich den Eltern an. Dieses Vertrauen muss bestätigt werden. Das wiederum ist hauchdünnes, brüchiges Eis. Ob in unserem Leben eher Vertrauen oder Misstrauen genährt wurde, hat lebenslange Folgen. Wer kennt nicht die Prägesätze der Kindheit, die Schlüsselbotschaften, die Lebenseinstellungen, die man unbewusst, aber doch übernommen hat. Und die Wutgefühle, die aufkommen, wenn man sich dessen bewusst wird. Wenn man seinem eigenen Misstrauen begegnet, das einen oft wider Willen fesselt. Und dass man, ohne es zu wollen, sich dem Nächsten gegenüber bedeckt hält, immer mit Reserve, zum Eigenschutz. Gerade in der Begegnung mit Menschen kommen solche tief in uns verborgenen Reaktionsweisen ans Licht. Und doch muss niemand Opfer seiner Prägung bleiben. Jeder kann auch Gestalter seines Lebens werden.3
Zurück zum Vertrauen. Es geht um die Grundlage aller menschlichen Beziehungen. Freundschaft und Ehe – aber auch die tausend Alltäglichkeiten wie ein Zahnarztbesuch oder das freundliche „Guten Morgen“ eines Nachbarn. Alles steht und fällt mit dem Vertrauen. Gerade in einer Zeit, die übervoll ist mit Misstrauen, gegenüber Menschen und Institutionen. „Das Vertrauen ist wohl die wichtigste Wurzel des Lebensbaumes, die über Wachsen, Gedeihen und Gelingen des menschlichen Lebens wesentlich mitentscheidet.“4 Dabei ist das Vermögen zu vertrauen wahrlich kein risikoarmes Vergnügen. Wenn ich mein Auto in die Werkstatt bringe, muss ich dem Urteil des Mechanikers vertrauen. Erst recht, wenn er ein Ersatzteil einbaut. Man muss sich für einen „zu vollziehenden Vertrauenssprung“5 entscheiden. Oder anders ausgedrückt: Vertrauen wächst über den Entschluss des Wagnisses. Dieser beruht nicht auf der Irrtums- und Fehlerlosigkeit des Gegenübers, sondern auf seiner Wahrhaftigkeit. Dass es der Andere aufrichtig und gut mit mir meint. Dabei darf gerade Freundschaft nicht mit einem wohligen Rundumpaket, das durch nichts getrübt wird, verwechselt werden. Freunde sind super, aber sie nerven auch … sie sind da für mich, auch wenn sie sich mal gegen mich stellen … sie suchen meine Nähe, auch wenn ich Angst davor bekomme. Vor allem aber sind sie eine der ganz dicken Lebenschancen zur Reifung. Sie können helfen, über die Schrecken meines Lebens in einen Segen hinein zu reifen.
Wer Vertrauen riskieren will, braucht eine Grundlage. Nicht nur, aber vor allem dann, wenn ein tragendes Vertrauensempfinden nicht zur Grundausstattung meines Lebens gehört. In der Bibel klingt beim Vertrauen dies mit: Zuverlässigkeit – Beständigkeit – Wahrheit – Treue. Im Bild gesprochen ist die Freundschaft wie ein Haus. Damit dieses ein trautes Heim werden kann, kommt es auf den Untergrund an. Oder um es in abgewandelter Form mit der Bergpredigt zu sagen: es kommt auf Sand bzw. Fels an. Dabei geht es aber nicht mehr um die Frage von Misstrauen (vermeintlich Sand) oder Vertrauen (vermeintlich Fels). Der Grund liegt tiefer und ist damit stärker. Das Haus unserer zwischenmenschlichen Beziehungen wird getragen vom Felsen der Liebe Gottes. In ihr wurzeln Zuverlässigkeit, Beständigkeit, Wahrheit, Treue und damit das Vertrauen. Dabei ersetzt Gottes Liebe die menschliche nicht und ist auch damit nicht zu verwechseln. Neutestamentlich ausgedrückt: die agapē trägt die philia – die Gottesliebe trägt unsere Menschenliebe. Sie gründet und umfängt alle zwischenmenschliche Beziehung. Wer Gott nur Gutes zutraut, lernt, sich selbst etwas zuzutrauen. Und er beginnt, seinem Nächsten Gutes zuzutrauen. Das wäre dann Freundschaft.
Für all dies muss man sich immer wieder entscheiden. Vertrauen zeigt sich eben nicht im Gefühl einer vermeintlichen Sicherheit, sondern im Entschluss, dieses zu wagen. Es ist ein Bekenntnisakt – ich muss mich immer wieder dazu bekennen – gerade in Krisen und Zweifeln einer Freundschaft. Das gilt selbst für das Leben unserer Gemeinschaft. Die erste Wachstumsverheißung unserer geistlichen Regel heißt Vertrauen! „Vertrauen schenken heißt, Vertrauen annehmen können, sich für Vertrauen entscheiden.“ Sich also immer wieder dafür entscheiden, dass es der Andere doch gut mit mir meint – nicht gegen das Gefühl, aber stärker als das Gefühl – auch im Unverständnis oder Konflikt. So kann es was werden mit dem Alltagsleben nach einer Trauung und mit dem Gelingen einer Freundschaft. Indem ich mich traue zu vertrauen! Denn: „Vertrauen heißt, mit der Kraft der verborgenen Gegenwart des Heiligen Geistes rechnen.“1
Wilhelm Arnold et al; Lexikon der Psychologie, Band 3; Freiburg i.Br. 11. Aufl. 1980; Sp. 2489f. ↑ ↑
Die junge Frau hatte ihre Träume mit der Wirklichkeit der Mutter abgeglichen, und diese bestätigte, dass Wirklichkeit und Alptraum identisch seien. ↑
Wie bei unserer Geburt, dem ersten Durchbruch ins Leben, ist dazu wieder die Hilfe eines Menschen fast unerlässlich. Wer sich mehr damit beschäftigen möchte: „Die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte“; in: Karl Frielingsdorf, Vom Überleben zum Leben, Wege zur Identitäts- und Glaubensfindung, Ostfildern 2008, S. 98ff. ↑
Karl Frielingsdorf ebd. 65. ↑
Ernst Jenni, Claus Westermann; Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, Band I; München 1978; Sp. 303. ↑