Junge Frauen mit Getränk in engagiertem Gespräch vor Bücherwand

Zwischen Klicks und echter Nähe

Freundschaft in digitalen Zeiten

Mein Handy signalisiert den Eingang einer neuen Nachricht. Sie kommt von meiner Bücherfreundin. Ja, so etwas Schönes habe ich: eine Bücherfreundin! Das erste Mal sind wir uns auf einer ­Dinnerparty begegnet, auf der sie Cocktails gemischt hat. Dass sie neben der Liebe zu bunten Mixgetränken auch noch Geschichten mag, habe ich erst später erfahren, als wir uns in einem Book Club wiedertrafen.
Sie ist wunderbar klug, sie ist gleichermaßen bockig und begeistert mit Jesus unterwegs, sie traut sich so vieles, was ich mich nie trauen würde, und sie hat das herrlichste Lachen der Welt. Ich verbringe liebend gerne Zeit mit ihr. Und so wie andere sich gegenseitig Blumen oder Pralinen mitbringen, bringen wir uns gegenseitig Bücher mit. Ein paar zum Ausleihen und andere nur zum Anschauen und Bewundern, weil wir sie noch ein bisschen um uns haben möchten. Ach, ich wünschte, alle Menschen könnten so eine Bücherfreundin haben.
Könnte natürlich sein, dass es nicht genau das ist, wonach sich jeder zutiefst sehnt. Aber nach einem Menschen, mit dem man die guten und schlechten Geschichten des Lebens teilen kann - ich glaube, danach sehnen wir uns alle. Und eigentlich müsste so jemand leicht zu finden sein. Das digitale Wohnzimmer ist voll von spannenden Menschen und die sozialen Medien machen es möglich, dass wir mit vielen im Kontakt stehen können. Trotzdem erleben wir in unserer Gesellschaft das, was der Autor Dominik Klenk „kontaktreiche Beziehungsarmut“ (Salzkorn 4-2008, Was loggt, was bloggt und was ins Leben zieht.) nennt. Wir können uns einsam fühlen, auch wenn wir ständig miteinander verbunden sind. Warum ist das so? Warum empfinden wir Einsamkeit, wenn wir uns doch digital gerade mit vielen anderen ausgetauscht haben? Vielleicht liegt der Grund darin:
Unsere Seele wird nicht ausreichend genährt, wenn wir mit vielen anderen lediglich „connected“ sind, sondern dann, wenn wir uns gesehen und wertgeschätzt fühlen. Und das erleben wir am besten in ganz anfassbaren Dingen. Wenn wir Bücherschätze miteinander teilen oder wenn uns jemand ein Essen vorbeibringt, wenn wir krank sind. Wenn wir zusammen spazieren gehen und uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen. Wenn wir miteinander lachen und wenn uns jemand mit den Worten in die Arme schließt: „Wie froh bin ich, dich zu sehen!“ Auch lange Sprachnachrichten, die wir uns hin- und herschicken, hinterlassen Lücken, die wir nur dann auffüllen können, wenn wir uns direkt austauschen - bei einem Telefongespräch oder - noch besser! - bei einem echten Treffen. Dann erzählen wir nicht nur unsere eigenen Geschichten, sondern wir erleben den Reichtum, der sich in einem Gespräch auftut. Inklusive des gemeinsamen Schweigens. Und ganz nebenbei nehmen wir viel mehr voneinander wahr, wenn wir die Mimik und Haltung des anderen sehen und nicht nur die aufgesprochenen Worte hören. (Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen, die sich vor allem über Textnachrichten· unterhalten, mit der Zeit ihre Fähigkeit verlieren, in Gesichtern zu lesen, und infolgedessen auf lange Sicht auch ihre Fähigkeit einbüßen, echtes Mitgefühl zu empfinden.)
Ein Problem, das mich dabei immer wieder beschäftigt, ist folgendes: Wir können nicht so viele Kontakte im echten Leben pflegen, wie wir das online tun. Wir schlittern dabei in eine absolute Überforderung. Wenn wir digital mit vielen Menschen in Kontakt sind, dann ist es umso wichtiger, bewusst (und vielleicht auch betend) zu entscheiden, wem wir wirklich nah sein wollen, welche Freundschaften wir pflegen wollen und wer die Menschen in unserem familiären Umfeld sind, die uns von Gott anvertraut wurden (= my people). Diesen Beziehungen will ich angemessen Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Manchmal vernachlässige ich nämlich genau diese Menschen, weil ich im digitalen Hin und Her mit vielen anderen im Austausch bin, die ich auch sehr gerne mag, die mir aber nicht auf diese Art und Weise anvertraut wurden.
Letztlich braucht es auch hier mein demütiges Eingeständnis, dass ich ein begrenztes Wesen bin. Die Technik des Internets ruft: „Alles ist möglich! Du kannst mit jedem Menschen in Kontakt bleiben, an vielen verschiedenen Leben teilhaben und dich ohne Ende connecten.“ Die Demut wendet dagegen ein, dass das nicht wahr ist. Sie erkennt, dass ich nicht die ganze Welt in mein Leben packen kann, sondern immer nur zwei Menschen an der Hand halten kann - an jeder Hand einen. Ich darf mich aus Onlinegruppen verabschieden, ich muss nicht auf jede Nachricht antworten und nicht jede Freundschaftsanfrage bestätigen. Ich will denen die Treue halten, die Gott mir in dieser Zeit meines Lebens anvertraut hat, in deren Geschichten ich lesen darf und sie in meinen. Vielleicht macht uns diese Begrenzung am Ende ein wenig kontaktärmer, aber ganz bestimmt beziehungsreicher.

Kleine Aufmerksamkeiten

Wenn ich zurückblicke auf die Freundschaften meines Lebens (die nie perfekt waren - es gibt ja auch immer so vieles was wir nicht füreinander sein können!), dann merke ich, dass das, was mich besonders berührt hat, kleine anfassbare Dinge waren: die selbst gemachte Pizza, die mir eine Freundin vorbeibrachte, als unser Baby die Nächte durchgeschrien hat, während mein Vater im Sterben lag. Der Freund, der in meiner Single-Wohnung ganz spontan meinen tropfenden Wasserhahn repariert hat. Eine Postkarte mit „Ich denk an dich!“ im Briefkasten … Vielleicht liegt hier, in diesen kleinen Aufmerksamkeiten, eine kleine praktische Anleitung zu dem, was der Schriftsteller R. W. Emerson gesagt hat: „Es gibt nur einen Weg, Freunde zu gewinnen: selbst einer zu sein.“

Aus: Ich bin dann mal da. Gegenwärtig leben in einer digitalen Welt. © Gerth Medien, Wetzlar, 2025, S. 135-139.