Zufällig verbunden
Manchmal ergreift mich die Illusion, ich wäre von Freunden gar nicht besonders abhängig. Dann gehe ich davon aus, dass ich sie mir ja ganz frei und aus einer großen Auswahl von Leuten passgenau auswählen kann. Die besten Freunde unter meinen Kommilitonen habe ich aber gar nicht nach sorgfältiger Begutachtung aller Mitstudierenden gefunden, sondern zufällig, weil ich sie wirklich gebraucht habe. Und eigentlich passen sie noch nicht mal sehr gut zu mir.
Wir vier standen 2022 vor der Herausforderung, plötzlich ohne irgendwelche Bekanntschaften in einer neuen, unheimlichen Stadt mit einem anspruchsvollen Studium anfangen zu müssen. Wahrscheinlich, weil wir alle der Einsamkeit im Studium vorbeugen wollten, vor der ständig gewarnt wird, nahmen wir an einem Treffen für Politik-Erstsemester teil. Bei einem Stadtgeländespiel durch Heidelberg wurden wir zufällig der gleichen Gruppe zugeteilt und zogen rätsellösend durch die fremde Stadt. Dabei kamen wir ins Gespräch über unsere Abi-Zeit, unseren Studienstart und unsere politischen Ansichten. Schnell stellte sich heraus, dass wir einen Wertekonservativen (mich), eine Liberale (Hannah), einen Sozialisten (Fabian) und einen informierten politischen Agnostiker (Anton) unter uns hatten. So grundlegende Unterschiede ausgerechnet in unserem Fachgebiet konnten unmöglich unverhandelt bleiben. Und so saßen wir schon am Abend nach unserem ersten Treffen zu viert auf der Schlossmauer und diskutierten angeregt über Identitätspolitik. Wir hatten uns nicht gegenseitig ausgesucht, aber für uns war irgendwie schnell klar, dass wir vier jetzt zusammengehören.
Bei unserer nächsten Zusammenkunft stellten wir fest, dass alle politischen Bündnisse einen prägnanten Namen brauchen. Der Vorschlag „Bergheimer-Pakt“ in Anlehnung an den Namen unseres Campus und den Andenpakt war den anderen zu CDU. Also wurde es, in Anlehnung an den Kreisauer Kreis, der „Bergheimer Kreis“. Jetzt, mehr als drei Jahre später, ist diese Gruppe immer noch das Fundament meiner Kontakte in Heidelberg. Anton ist inzwischen nicht mehr bei uns in der Stadt, kommt uns aber besuchen. Hannah hält unsere Gruppe sozial zusammen, Fabian und ich sorgen für die nötige politische Kontroverse. Von Kommilitonen bekommen wir immer wieder zurückgemeldet, dass wir ein bisschen elitär und exklusiv wirken. Wir diskutieren, ob wir das gut oder schlecht finden sollen. Immer wieder haben wir Leute zu unseren Treffen mitgebracht, aber die „Hürde“, in unseren Kreis aufgenommen zu werden, hat sich im Lauf der Jahre als ziemlich hoch herausgestellt. Vielleicht drückt sich darin aus, wie viel uns die Aufrechterhaltung dieser besonderen Gruppenbeziehung wert geworden ist.
Keiner meiner drei Freunde kann etwas mit dem christlichen Glauben anfangen. Für mich war es lange schwierig, damit einen guten Umgang zu finden, denn die Gelegenheiten, ihnen meine Begeisterung für Jesus zu vermitteln, boten sich mir nicht so recht. Mein christliches Umfeld warnt immer wieder ganz allgemein vor schlechten Einflüssen durch schlechte Freundschaften, und so musste ich prüfen, ob es an den Bergheimern etwas gibt, was subtil schlechten Einfluss auf mich hat. Ich bin überzeugt: Das Gegenteil ist der Fall. Bei aller Uneinigkeit bin ich nie dem Druck ausgesetzt, mich ihnen anzupassen. Unsere gegensätzlichen Meinungen stoßen sich nach wie vor (keineswegs subtil) ab, aber meine Freunde zeigen mir, dass hinter diesen Meinungen großartige Menschen stehen können. So ist die politische Vielfalt für mich plötzlich zu etwas Fruchtbarem geworden. Dass wir uns gegenseitig stehen lassen, keine Brandmauern bauen, sondern uns bei aller Auseinandersetzung grundlegend verschiedene Weltsichten zugestehen, war ab dem ersten Moment Fundament unserer Beziehung. Ich habe großen Respekt davor, dass gerade meine atheistischste Freundesgruppe so fröhlich bereit war, mich und meine Weltsicht auszuhalten.
Ich kann meine Freunde nicht rational von meinem Glauben überzeugen, dazu sind ihre Argumentationsketten viel zu gut geschlossen. Aber ich kann von mir erzählen, davon, welche Kraft ich aus meiner Beziehung zu Jesus ziehe, und wie gut es ist, einen Gott zu haben, auf dessen Führung ich mich verlassen kann. Auch das ertragen sie geduldig und manchmal sogar interessiert. Ich bin dankbar für Hannah, Anton und Fabian. Sie sind eine Zumutung.