Bereichernde Beziehungen
- Inspiration bäuerliche Dorfgemeinschaft
- Beziehungspflege als Selbstführung
- Beziehungen, die uns tragen und versorgen
- Parakletische Beziehungen
- Qualitätsmerkmale guter Freund- und Gefährtenschaft
- Heute anfangen, tragende Beziehungen zu bauen
Wie wertvoll tragende Beziehungen sind, gehört zu meinen wichtigsten persönlichen Entdeckungen in der Lebensphase zwischen 20 und 40. Ich habe deshalb immer wieder über dieses Thema geschrieben und gelehrt: über Freundschaft und Kleingruppen mit Tiefgang, die unser Wachstum befruchten. Über geistliche Begleitung und hilfreiche Seelsorge, die zur Erneuerung unseres Denkens und Handelns beiträgt. Meine Überzeugungen diesbezüglich haben sich in
den letzten Jahren noch einmal verstärkt. Ich sage heute mit noch größerem Nachdruck, dass bestimmte Beziehungen zum Besten gehören, was wir während unserer aktiven Lebensjahre aufbauen können.
Sie sind wichtiger als unser Erfolg im Beruf, materieller Wohlstand und körperliche Unversehrtheit.
Und so bin ich noch immer dabei, am Netz meiner Freundschaften zu knüpfen. Es besteht heute aus einer Handvoll Männer. Es gibt auch Frauen, die ich zu meinem Freundeskreis zähle. Als verheirateter Mann konzentriere ich meine Bemühungen jedoch auf Männer. Mit ihnen treffe ich mich regelmäßig einzeln, zu zweit oder zu dritt. […] Es sind Menschen, mit denen ich diskutiere, lache und auch mal weine - und auf deren Gesicht ich mich jedes Mal freue. Auch wenn richtig viel los ist, eines lasse ich mir nicht rauben: den Kontakt zu dieser Handvoll Freunde.
Inspiration bäuerliche Dorfgemeinschaft
Was meine Überzeugung bezüglich der Bedeutung von tragenden Beziehungen vertieft hat, ist eine durch den Autor Wendell Berry angestoßene Auseinandersetzung mit meinen eigenen Wurzeln. Genauer mit dem Leben meiner Eltern, die seit über sechzig Jahren an dem Ort, an dem sie leben, Teil eines tragenden Beziehungsnetzes sind. Ich habe lange nicht wahrgenommen, was für ein faszinierendes Lebensmodell sie haben - bis ich Wendell Berry las.
Berry, ein amerikanischer Farmer, Aktivist, Autor und Kulturkritiker, beschreibt in einer Romanserie das Leben einer Dorfgemeinschaft in Kentucky über mehrere Jahrzehnte hinweg. Er gibt Einblick in den Alltag der dort lebenden Menschen, die gemeinsam arbeiten, essen, sich besuchen, Freud und Leid teilen, Konflikte austragen, sich auf den Geist gehen, wieder versöhnen. Es ist ein Dorf mit Originalen, Normalos, Scheuen, Lauten, Frommen, Aufmüpfigen. Zusammen bilden sie eine Art Schicksalsgemeinschaft. Sie haben sich einander nicht ausgesucht und stehen doch zusammen. Wo Not hereinbricht, eine Krankheit, der Tod, eine Flut oder eine Dürre, rücken die Menschen zusammen. Von irgendwoher aus der Dorfgemeinschaft kommt stets eine helfende Hand. Teilweise wortlos, selbstverständlich. Einige verlassen den Ort. Er ist ihnen zu langweilig, zu gewöhnlich, zu rückständig. Manche kehren wieder zurück, andere nicht. Der Kern aber bleibt, trägt und erträgt sich durch die Jahre, überschreitet immer wieder neu die Schwelle von Leben und Tod.
Wie Wendell Berry diesen Ort, die Menschen und ihr Miteinander beschreibt, weckt in mir verschüttete Urklänge meiner eigenen Herkunft und Kindheit. So leben meine Eltern bis heute. Eingebunden in eine Dorfgemeinschaft, in der ein paar Bauern nur deshalb überlebten, weil sie eng zusammenarbeiteten, einander halfen, einander mit dem versorgten, was jeder hatte. Sie tauschten Maschinen, Tiere, Ernteerträge. Ohne Rechnung und Buchhaltung, alles auf Vertrauensbasis. Natürlich, es gab Spannungen, Empfindlichkeiten, manchmal Ärger. Stärker aber blieb das Vertrauen, das Füreinander, die Freundschaft.
Vor kurzem feierte meine Mutter ihren 79. Geburtstag. Am Abend war sie völlig erledigt und wollte nicht einmal mehr, dass ich sie wie geplant besuche. Der Grund? Das Telefon klingelte ununterbrochen und ein Besuch reichte dem anderen die Hand. Meine Eltern sind alt, aber nicht allein. Sie ernten die reifen Früchte jahrzehntelang gelebter Verbundenheit – vor Ort und darüber hinaus.
Und so wächst meine Überzeugung, dass es für uns Menschen nichts Zentraleres gibt als eine gute Einbettung in Gemeinschaft in ihren vielfältigen Formen und Ausprägungen: in Familie, Kirche, Nachbarschaft. Gemeinschaft lebt von geografischer Nähe, von zufälligen und gewollten Begegnungen. Von Handreichungen und guten Worten zur rechten Zeit. Diese Intensität schafft keine Facebookplattform und keine Twitterbeziehung. Dazu braucht es physische Verortung, Nähe, Sehen, Hören, Reden, Zusammensein.
Beziehungspflege als Selbstführung
Ich verstehe das bewusste Suchen, Aufbauen und Pflegen tragender Beziehungen als eine der wesentlichen Aufgaben meiner Selbstführung. Sie besteht in einer bewussten, teilweise durchaus kostspieligen Investition von Zeit und Beziehungsarbeit, die am Ende aber einen um ein Vielfaches größeren Gewinn abwirft. Gute Beziehungen versorgen uns mit Nähe, Mitgefühl, Unterstützung, Anteilnahme, Ermutigung. Mit Dingen, die wir besonders dann brauchen, wenn das Leben herausfordernd wird. Wenn uns Nöte, Misserfolge, Zweifel, Kämpfe und Versagen heimsuchen. Wenn wir ins Schleudern geraten und den Boden unter den Füßen verlieren. Dann fängt uns Gott auf – durch andere Menschen, mit denen wir jahrein, jahraus unterwegs waren.
John Stott, lebenslanger Single und immenser Schaffer, war einer der führenden Impulsgeber und Theologen der evangelikalen Bewegung im 20. Jahrhundert. Er schrieb unzählige Bücher, bereiste die ganze Welt, leitete wichtige Ausschüsse und Konferenzen und war Pfarrer einer anglikanischen Kirche in London. In einem Interview kurz vor seinem Tod im Jahr 2011 wurde Stott gefragt, was ihm in den vergangenen Jahren und jetzt im Alter am meisten Leben und Vitalität verleihe. John Stott erwähnte den Gemeindegottesdienst als für ihn zentralen Ort der Versorgung. An zweiter Stelle nannte er Freundschaften als entscheidende Quelle für seine Lebens- und Schaffenskraft: „Ich fühle mich unter Freunden am lebendigsten. Es ist ein Geschenk, Freunde zu haben, diese Beziehungen zu genießen und mit ihnen zusammen Dinge zu unternehmen.“ Freundschaft als entscheidende Ressource, die uns mit Kraft und Mut fürs Leben versorgt. Sich lebendig fühlen in der Gegenwart einiger Menschen, vor denen man keine Rolle spielen muss. Die uns schätzen, die nachfragen, sich melden. Gesegnet der Mensch, der Freunde hat! […]
Beziehungen, die uns tragen und versorgen
Ich denke also in den letzten Jahren vermehrt über Beziehungen nach. Welche Rolle sie spielen. Wie unterschiedlich tief und langlebig sie sein können. Was Freundschaft ist und wie sie entsteht. Zwei Dinge sind mir dabei wichtig geworden. Erstens: Unsere wertvollsten Beziehungen haben einen „parakletischen“ Charakter – sie sind ein Ort der gegenseitigen Ermutigung, Förderung und Korrektur. Zweitens: Unsere wertvollsten Gefährten sind Gottes verlängerter Arm für uns. Sie sind unsere Fürsprecher und unsere Freisprecher – und damit nichts anderes als das, was Gott selbst für uns ist.
Parakletische Beziehungen
Wenn Paulus Christen im Glauben aufbauen will, wenn er ihnen Wegweisung, Ermutigung oder Korrektur geben will, dann verwendet er dazu vorzugsweise den Begriff parakaleo. Kein anderes Verb zeigt so treffend, wie man mit Menschen umgehen soll, von denen man sich wünscht, dass sie in ihrem Glauben ganzheitlich wachsen.
Im ersten Brief an die Thessalonicher beschreibt er mit diesem Wort an mehreren Stellen seine pastorale Tätigkeit in den dortigen Gemeinden: Ihr wisst doch, dass wir jedem Einzelnen von euch, wie ein Vater seinen Kindern, zureden (parakaleo), Mut machen und ans Herz legen, sein Leben zu führen, wie es würdig ist vor Gott (1 Thess 2,11). Im Übrigen, liebe Brüder und Schwestern, bitten und ermuntern (parakaleo) wir euch im Herrn Jesus, dass ihr so, wie ihr von uns unterwiesen worden seid, euer Leben führt und Gott zu gefallen sucht (1 Thess 4,1).
Im Kapitel 5 geht Paulus noch einen Schritt weiter und bringt zum Ausdruck, dass Christen aneinander genau diese Aufgabe der gegenseitigen Ermutigung haben: Darum tröstet und ermahnt (parakaleo) einander, und einer richte den anderen auf, wie ihr es schon tut (1 Thess 5,11).
Das Verb parakaleo kann übersetzt werden mit herbeirufen, einladen, auffordern, dringend bitten, ermahnen, ermutigen, zusprechen, trösten, gut zureden. Das Faszinierende an diesem Wort ist, dass es zwei unterschiedliche Aspekte vereint, zu deren Umschreibung wir im Deutschen mehrere Begriffe brauchen: Auf der einen Seite enthält es die positiv-unterstützende Ebene (ermutigen), gleichzeitig aber auch die herausfordernde Ebene (ermahnen). Kein deutsches Wort vermag beides gleichzeitig auszudrücken. Vielleicht liegt hier der Grund, weshalb wir uns in unseren Beziehungen eher schwertun, beides gleichzeitig zu praktizieren. Entweder wir ermahnen eine andere Person, korrigieren sie und fordern sie heraus. Oder wir tun eben das andere: Wir ermutigen, trösten und bauen sie wertschätzend auf. Parakaleo trennt diese beiden Dinge nicht, sondern betont, dass beides gleichzeitig geschehen kann und zusammengehört.
Wer Menschen erziehen, begleiten und fördern will, der weiß, dass es einer Person selten hilft, wenn man ihr nur die Seele streichelt. Sie braucht eine gesunde, förderliche Mischung von Ermutigung und Ermahnung. Umgekehrt hilft es einer Person kaum, wenn wir sie nur zurechtweisen und korrigieren. Eine Ermahnung annehmen und aus ihr lernen kann jemand dann am besten, wenn unsere Korrektur von einem ermutigenden, wertschätzenden Unterton getragen ist. Genau davon spricht parakaleo, das ist es, was dieses Wort so wertvoll macht. Kein Wunder, hat Paulus es in seinen Briefen immer dann verwendet, wenn er Christen im Glauben aufbauen und weiterbringen wollte.
Es ist die Gleichzeitigkeit von Wohlwollen und Korrektur, von Ermutigung und Ermahnung, von Wertschätzung und Herausforderung, die uns wachsen lässt. Dieser doppelte Fokus ist wichtig für alle unter uns, die Kinder erziehen, unterrichten, leiten, predigen oder Menschen seelsorgerlich begleiten. Noch wichtiger aber finde ich, dass jeder von uns, unabhängig von Beruf, Alter und Lebenssituation, in einigen Beziehungen lebt, die einen parakletischen Charakter haben. Eine Handvoll Freunde und Gefährten, die uns gegenüber gleichzeitig beides verkörpern und geben: Ermahnung und Ermutigung, Korrektur und Wertschätzung. Keine andere Art von Beziehung trägt, fördert und hilft uns auf unserem persönlichen Weg des Wachsens und Reifens mehr.
Qualitätsmerkmale guter Freund- und Gefährtenschaft
Im Zuge meiner eigenen Suche nach tragenden Beziehungen habe ich vor einigen Jahren neu definiert, was ich unter Freundschaft verstehe. Früher bezeichnete ich Personen als „meine Freunde“, mit denen ich nur oberflächlich verbunden war. Es waren Menschen darunter, mit denen das Gespräch selten über die Ebene harmloser Alltäglichkeiten und die üblichen verbalen Selbstdarstellungsversuche hinauskam. Keiner erfuhr vom anderen, was ihn wirklich bewegte und welches seine persönlichen Fragen und Herausforderungen waren. Daran gemessen hatte ich viele Freunde. Doch ich sehnte mich nach etwas anderem und so formulierte ich für mich einige Qualitätsmerkmale echter Freundschaft. Eine Beziehung ist für mich dann zu einer Freundschaft geworden,
wenn …
- wir uns absichtsvoll und mit einer gewissen Regelmäßigkeit treffen und sehen,
- wir einander Anteil geben an den wichtigsten Ereignissen unseres Lebens,
- wir einander Einblick geben in unsere Lebensfragen, Zweifel, Herausforderungen, Schwierigkeiten und persönlichen Kämpfe,
- wir voreinander nichts verbergen und keine Geheimnisse hüten müssen, weil wir uns vertrauen,
- wir nicht ständig darauf achten müssen, was wir dem anderen sagen oder nicht sagen,
- wir gerne zusammen sind und uns die Themen und Ideen, was wir gemeinsam tun und besprechen könnten, nicht schon nach einer Stunde ausgehen,
- wir in einer Notsituation keinen Moment zögern, diese Person anzurufen, um Gebet oder Hilfe zu bitten, auch wenn es nach Mitternacht ist,
- wir nicht zögern, einander jede uns mögliche Art der Unterstützung zu geben, wenn der andere sie braucht,
- wir in Krisen und Schicksalsschlägen füreinander da sind, mittragen, nachfragen, uns besuchen.
Ich begann, solche Beziehungen aufzubauen, und ich ließ mir dazu viel Zeit. Freundschaften wachsen nicht innerhalb weniger Wochen, wie es ein Kürbis tut. Sie gedeihen langsam, fast unmerklich, wie eine Eiche. Dafür braucht es Zeit, Geduld und beharrliches Dranbleiben. Wenn sie aber diese Qualitäten erreichen, gehören sie zu den Beziehungen in unserem Leben, auf die wir nicht mehr verzichten wollen. Auf diese Menschen kann und will ich mich verlassen.
Heute anfangen, tragende Beziehungen zu bauen
Wir haben gesehen: Zu einer guten Selbstfürsorge gehört nicht nur unsere unmittelbare und persönliche Gottesbeziehung, die uns nährt. Manchmal sind Zeiten der Begegnung mit Freunden das geistlichste, was wir tun können. Auch sie nähren und versorgen uns, und es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass wir solche Beziehungen haben. Sie entstehen nicht von selbst und entwickeln sich nicht über Nacht. Wir bauen sie auf, investieren Kraft und Zeit. Wir mühen uns um Tiefgang, vergeben nach Enttäuschungen, machen immer wieder einen neuen Schritt auf unsere Gefährten zu.
Wenn Sie sich nach solchen Beziehungen sehnen, dann beginnen Sie bei ein oder zwei Personen. Investieren Sie Zeit, stellen Sie Fragen, erzählen Sie von sich. Beten Sie für diese Beziehung, und warten Sie ab, ob daraus eine Freundschaft wächst. […]
Die Gesetzmäßigkeiten, die in unseren wichtigsten Beziehungen wirksam sind, sind dieselben wie in meinem Selbstversorger-Garten. Das Säen, Bepflanzen und Gießen ist Arbeit. Dann aber wächst etwas Unverfügbares: Eines Tages wird sichtbar, dass aus einer Bekanntschaft eine Freundschaft geworden ist. Eine, in der gegenseitige Ermutigung und Herausforderung stattfindet. Wo wir einander Parakleten, Für- und Freisprecher sind. Solche Früchte sind wie meine Gartentomaten, Gurken und Salate: ein himmlisches Geschenk.
Aus: Thomas Härry. Von der Kunst, sich selbst zu führen. © SCM Brockhaus, Holzgerlingen, 2015, S. 157-171.