Mensch trägt einen leeren Stuhl auf einsamer Straße

Plötzlich abgebrochen

Warum für mich das Ende einer Freundschaft mehr als ein privater Verlust ist

Freundschaft ist ein Geschenk, das einem gemacht wird. Umso trauriger, wenn sie einem genommen wird. Manchmal ist es so, weil jemand nach Aachen zieht und man selbst in Zwickau wohnt. Oft sind es Kinder, Arbeit, Gemeinde, Ehrenamt, Fortbildung oder ähnliches, das den Alltag ganz in Beschlag nimmt. Das gehört zum Leben dazu.
Dass nicht jede Freundschaft von Dauer ist, weiß ich. Nicht der Wille, sondern Zeit und Nähe sind Mangelware. Viele Menschen habe ich für eine Zeit in mein Leben gelassen, wohlwissend, dass die Umstände später vermutlich dazu führen ­würden, dass wir uns wieder aus den Augen verlieren. Umso kostbarer sind mir die ­wenigen Menschen, zu denen die Freundschaft über Distanzen – zeitliche und geographische – hält. Zu ihnen gehörte auch Tessa (Name verändert).
Meine Frau und ich begegneten ihr zu Beginn des Studiums. Sie war katholisch, wir evangelisch. Und so staunten wir gegenseitig über die Einblicke, die wir einander in eine Welt fremdartiger Traditionen und ungewohnter Frömmigkeit gewährten. Und freuten uns über den Ernst, mit dem der andere seinen Glauben lebte.
Als wir später im Libanon lebten, besuchte uns Tessa, und bei einem Sommeraufenthalt in Deutschland und Dänemark stellte sie uns großzügig ihr Auto für zwei Wochen zur Verfügung. Später hat sie uns in Reichelsheim besucht. Von ihr bekam ich zum Geburtstag ein Buch mit Texten von Johannes Paul II über die Theologie des Leibes, das mein Leben tief und dauerhaft verändert hat. Dafür bin ich ihr bis heute von Herzen dankbar.
Dass unsere Freundschaft zerbrochen war, hatten wir zunächst gar nicht gemerkt. Kinder, Arbeit, Ehrenamt und ähnliches eben. Doch als sie auf Geburtstagsgrüße nicht reagierte und auch unsere Familienrundbriefe zu Weihnachten mehrfach kommentarlos empfing, schrieb ich ihr, um wieder einen Besuch auszumachen. Ihre Antwort fiel denkbar knapp aus: sie habe sich theologisch verändert und sehe keine Grundlage mehr für eine Freundschaft. Puh. Das fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube!
Freundschaft ist natürlich freiwillig; ich kann sie weder erzwingen noch einfordern. Insofern ist ihre Entscheidung zu respektieren. Dennoch schmerzt der Verlust bis heute – persönlich und politisch:
Persönlich, weil uns der menschliche Reichtum fehlt, den Tessa einbrachte: Durch sie haben wir viel gelernt, mit ihr gelacht, spontan gekocht oder gebacken, das deutsche Sommermärchen 2006 erlebt. Unsere Entscheidung, früh zu heiraten, bestärkte sie und sie forderte uns immer wieder (vergeblich) heraus, uns (hochschul-)politisch mit ihr zu engagieren. Zum Studienabschluss schenkte sie uns ein Album mit Texten und Fotos aus den gemeinsamen Jahren. Wir vermissen es, mit ihr Zeit zu verbringen.
Von Hannah Arendt habe ich gelernt, dass Freundschaft auch eine politische Dimension hat. Mit der Kündigung unserer Freundschaft geht unausgesprochen die Botschaft einher: Ich habe keine Hoffnung, im Gespräch mit dir neue Perspektiven zu erkunden. Natürlich ahne ich, dass sich unser früheres Staunen in ein gegenseitiges Augenrollen gewandelt haben könnte. Dennoch würde ich es lieben, mit ihr über die Erfahrungen und Erkenntnisse zu sprechen, die bei ihr zu diesem radikalen Überzeugungswandel geführt haben. Als Menschen sind wir darauf angewiesen, auszulegen und zu interpretieren – eben die Welt zu „besprechen“; und viel zu häufig neigen wir dazu, in unserer Blase zu bleiben und perspektivlos zu werden. Davon bin auch ich nicht ausgenommen. So will ich beten und hoffen, dass mir und uns eines Tages das Geschenk der miteinander besprochenen Welt und – so Tessa will – der Freundschaft wieder gemacht wird.
„Im Gespräch manifestiert sich die politische Bedeutung der Freundschaft und der ihr eigentümlichen Menschlichkeit, weil dies Gespräch […] der gemeinsamen Welt gilt, die in einem ganz pmenschlich bleibt, wenn sie nicht dauernd von Menschen besprochen wird.“ In: Hannah Arendt: Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten. Rede über Lessing. München 1960