Unter Männern
Denke ich an Männerfreundschaften, fallen mir sofort Geschichten ein: Winnetou und Old Shatterhand, Bud Spencer und Terence Hill, die Gefährten in „Der Herr der Ringe“: schlagkräftige Teams, miteinander verschworen und allen Gefahren trotzend. Biblische Beispiele kommen mir in den Sinn: David und Jonathan – das biblische Paradebeispiel für brüderliche Männerfreundschaft schlechthin. Heute würde man sagen: eine echte „Bromance“. Ich denke auch an meinen Namensvetter Daniel und seine Freunde, die gemeinsam buchstäblich durchs Feuer gehen. Und natürlich an Jesus und seine Freunde, diese wilde und bunt zusammengewürfelte Truppe, über die es später heißt, sie würden nichts Geringeres als den Erdkreis erregen (vgl. Apg 17,6).
Mit Freunden scheint einiges möglich zu sein. Die Literatur ist voll von Geschichten darüber, welches Potential Freundschaften entfalten können. Das muss nicht immer weltbewegend sein, aber zwei haben es besser als einer allein, denn zusammen können sie mehr erreichen (Prediger 4,9). Dabei geht es um mehr als die Summe guter Einzelkämpfer – das gilt für Fußballmannschaften genauso wie für Arbeitsteams. Es scheint etwas Besonderes zu entstehen, wenn Freunde sich verbünden, wenn daraus ein Team entsteht – bezeichnenderweise ist oft vom Team-Geist die Rede. Klingt fast schon mysteriös. Diesem Geheimnis würde ich gerne etwas nachspüren.
Genossen zum Genießen
Für mich ist gemeinsames Genießen ein essenzieller Bestandteil von Freundschaft, besonders, weil ich bei meinen Freunden nichts leisten muss und einfach sein darf. Dazu gehört, dass wir miteinander genießen, gemeinsam feiern, essen und trinken. In der jüdischen Tradition ist dieses Wissen tief verankert und drückt sich in einer ausgeprägten Feierkultur aus: Jesus selbst saß gerne und viel mit Menschen zu Tisch, besonders mit seinen Freunden.
Genießen braucht Genossen, denn miteinander genießt es sich besser. Allein macht das weniger Freude. Ich genieße gemeinsame Männerrunden am Billard- oder Pokertisch. Oder einen Männerabend mit guter Pfeife, leckerem Bier, dazu ein spannender Film – für mich eine Wohltat nach einem herausfordernden Tag. Vor allem, wenn man ohne viele Worte schnell zueinander findet und sich nicht groß erklären braucht.
Genießen heißt dankbar zu empfangen, was Gott mir schenkt. Um zu empfangen, muss ich aber auch loslassen, was ich allzu gerne festhalten möchte. Das gilt auch für die Freundschaft selbst, denn sie ist nicht mein Besitz: Sie lässt sich weder produzieren noch erzwingen. Freundschaft braucht die gegenseitige Freiheit.
Gefährten in Gefahren
Und noch ein Aspekt der Freiheit: Unter Freunden fühle ich mich frei zu sein, wie ich bin. Ich kann im wahrsten Sinne unvorsichtig sein, ich muss mich nicht verstellen oder aufpassen, was ich sage. Bildlich gesprochen können wir uns mit offenem Visier begegnen, uns vor dem anderen auch verletzlich zeigen. In unserer Gemeinschaft praktizieren wir das jede Woche im „Austausch“: In kleinen Männer- und Frauengruppen teilen wir einander mit, was bei uns gerade obenauf liegt, welche Anliegen unser Herz berühren, woran wir uns gerade freuen und was schwer auf uns lastet.
Ich nehme damit die anderen hinein in das Ringen meines Alltags und die Gefahren, die sich dort auftun: Die Trägheit, die mich lähmen möchte. Die Zweifel, die mich entmutigen. Die Versuchung durch Ablenkungen. Den Ärger über Mitmenschen, der an mir nagt…
Ich bin unglaublich dankbar, dass ich damit nicht allein unterwegs sein muss. Das widerspricht meiner Natur des Einzelkämpfers, der möglichst alles allein schaffen und unabhängig sein möchte. Es gibt jedoch genügend Situationen in meinem Leben, wo ich merke, dass ich damit nicht weiterkomme. Da brauche ich Gefährten an meiner Seite, die mich unterstützen, mich herausfordern und hinterfragen. Oder die ich bitten kann, für mich zu beten und mich in einem inneren Kampf zu unterstützen. Meine Tochter hat das als Sechsjährige mal schön in der Weisheit zusammengefasst: „Papa, du musst nicht immer der Held sein!“
Das stimmt, ich muss nicht alles allein schaffen. Ich darf mich ergänzen, korrigieren und unterstützen lassen – von Freunden, die mir Genossen und Gefährten sind.